Donnerstag, 17. Januar 2013

Abschied einer Prinzessin



„Sie möchte noch einmal mit dir Sprechen“, dieser Satz trieb ihn den gesamten Weg bis zum Krankhaus um. Eine ihrer Freundinnen kam heute in der Schule kurz auf ihn zu, sprach ihn aus und verschwand gleich darauf wieder mit ihrer Clique in dem munteren Gewusel des Pausenhofes. Keine Worte der Erklärung, keine Beschreibung der Situation; nichts, was einem die Angst nahm. Schweigend stieg der die Treppen hinauf, schlängelte sich an anderen Besuchern, medizinischem Personal oder Patienten vorbei. In seinem Kopf herrschte vollkommene Leere; eine Leere, wie sie wahrscheinlich sonst nur Gefangene in dem Moment vor ihrer Hinrichtung empfinden. Stur auf den Boden guckend folgte er den langen Fluren der Stationen, bis er vor einer Tür stehen bleiben musste. Rechts neben der Tür, ungefähr auf Hüfthöhe war ein Schalter angebracht, den er bei seinem ersten Besuch für einen Lichtschalter gehalten hatte. Jetzt wusste er es besser und drücke ihn, in der Hoffnung, dass jemand sein Klingeln hörte. Eine Weile geschah nichts und er begann auf seinen Fußsohlen zu wippen. Unfähig den Blick zu heben beobachtete er genauestens, an welcher Stelle sein Schuh knickte; die Stelle schien mit jedem Wippen ein wenig zu wandern. Dann hörte er schlurfende Schritte und jemand öffnete ihm die Tür. „Guten Tag Jochanan! Willst du Fenja wieder besuchen?“ Nun war er gezwungen aufzuschauen. Es kostete ihn einiges an Kraft und als er diese aufgebracht hatte, starrte er in ein bekanntes Gesicht, dass ihm heute ein wenig zu fröhlich vorkam. Ihm war nicht entgangen, dass das „wieder“ eher wie ein „noch einmal“ klang und ärgerte sich deshalb über den gut gelaunten Gesichtsausdruck des Mannes. Der Junge machte einen Schritt in die Station. „Ja“. Obwohl ihm nicht nach Reden war konnte er seinen Blick nicht von dem Gesicht des Mannes lösen. Er sah alt aus, so alt, als ob man ihm vor zwanzig Jahren vergessen hatte zu sagen, dass er in Rente gehen kann. Die Falten unter seinen Augen verliehen ihm ein Aussehen, dass Jochanan ein wenig an einen Kobold erinnert. Die weißen, buschigen Augenbrauen wackelten beim Sprechen mit, als wollten sie jedes Wort noch besonders unterstreichen. Das schlohweiße Haar reichte gerade so aus um seinen Kopf zu bedecken und es war abzusehen, wann er seine Haare auch mit geschicktestem Kämmen nicht mehr über den gesamten Kopf verteilen konnte. Seine Augen standen jedoch im krassen Gegensatz zu seinen restlichen Gesichtszügen. Sie sprangen, wie kleine Kobolde, die ums Feuer tanzen, in ihren Höhlen umher und strahlten eine unheimliche, jugendliche Energie aus. Doch irgendwie meinte der Junge einen ganz kleinen Schatten in ihnen feststellen zu können, der ausschließlich ihm galt. Vielleicht war er heute aber auch einfach übersensibilisiert. „Gleiche Zimmer?“ frage Jochanan. Der alte Man nickte fast unmerklich, wies mit seiner Hand auf die entsprechende Tür und ging noch schweigend mit dem Jungen mit. Als dieser die Hand auf die Türklinge legte, spürte er auf einmal die Hand des alten Mannes auf seiner Schulter. Er drehte seinen Kopf seinen Kopf ein wenig und schaute dem Mann direkt in die Augen. „Du kennst die Regeln. Halt dich an sie….“ er drehte sein Gesicht weg und ließ seine Stimme fast mit den sonstigen Geräuschen auf der Station verschmelzen , „vielleicht zum letzten Mal.“ Der Schatten in seinen Augen schien für einen kurzen Augenblick den gesamten Glanz der Augen zu überdecken, dann wand sich der alte Mann ab und ging pfeifend zu einem anderen Zimmer. Jochanan fühlte eine wie ein Teil seiner Selbst vor den letzten Worten des Mannes erzitterte; sein rationales Ich ließ sich von diesen Worten jedoch nicht beeindrucken, es wusste es schon lange. Trotzdem zitterte seine Hand, als er an die Tür klopfte. Wieder musste er sich zwingen, nicht auf den Boden zu schauen. Das kurze Gespräch mit dem alten Krankenpfleger hatte ihn stärker getroffen, als er sich eingestehen wollte. Er wartete noch einen kurzen Augenblick, hörte keine Reaktion auf sein Klopfen, und trat einfach ein.
  
Jochanan machte zwei leise Schritte in das Zimmer und zog die Tür leise hinter sich zu. Noch bevor er den Raum überhaupt richtig wahrgenommen hatte, senke er seinen Blick schon wieder und starrte auf das gelbe Linoleum des Bodens. „Hallo.“ Seine Stimmbänder schienen auf einmal verrostet und seine Lungen alt und verbraucht zu sein. Trotzdem wurde seine mehr geflüsterte als gesprochene Begrüßung gehört. „Hallo!“ Die Stimme war sehr leise, aber dennoch schwang eine besondere Energie in ihr mit. Eine Art von Energie, die ihn schon immer fasziniert hatte. „Was siehst du?“ Er schwieg und probierte die Augen vom Boden zu lösen, doch das Gelb schien eine ganz besonders anziehende Wirkung auf seine Augen zu haben. Jochanan seufzte, schloss die Augen und richtete den Blick hinter seinen geschlossenen Liedern geradeaus; ungefähr dahin, wo er das Bett vermutete. „ Ich sehe ein Mädchen mit einem etwas blassen Gesicht und leicht rötlichen Wangen. Das rot ihrer Wangen harmoniert perfekt mit dem ihrer Lippen. Ihr Mund wird von einem feinen Lächeln umspielt, für das nur sie den Grund kennt, doch wirkt ihr Gesicht insgesamt ein wenig traurig und nachdenklich. Die kastanienbraunen Augen wirken verträumt, aber sie saugen jedes kleine Detail einer Person oder eines Gegenstandes auf und analysieren es. Als Betrachter dieser Augen hat man das Gefühl in sie hinein zu fallen…“, er machte eine kurze Pause und musste sich räuspern, „ …von ihnen verschluckt zu werden. Der Kopf des Mädchens liegt auf einem weißen Kissen und ihre dunkelblonden Haare liegen wie eine Korona um ihren Kopf herum. Der Rest ihres Körpers ist unter einen weißen Decke verborgen nur ihr rechter Arm, der auf ihrem Bauch liegt, schaut hervor.“ Er schaffte es nicht die Augen zu öffnen und senkte nach seinen letzten Worten den Kopf wieder. Eine silbrige Stille entstand in dem Zimmer; nur durchbrochen von einem leisen Piepen irgend eines Gerätes. „Lügner, du hattest deine Augen doch gar nicht offen!“ Die Stimme klang schwach  und kraftlos, als ob sie schon einen weiten Weg zurückgelegt hätte, bevor sie seine Ohren erreichte. Trotzdem schwang in ihr ein weit entferntes Echo ihres Lachens mit, dass dennoch lebendig und fröhlich klang. Jochanan zögerte kurz bevor er antwortete. Wenn er jetzt anfing zu reden, würde er ihr etwas sagen, was er ihr noch nie gesagt hatte. Aber spielte das überhaupt noch eine Rolle? Vielleicht für eine Woche, vielleicht aber nur noch für einen Tag. Er musste jetzt wirklich nicht mehr  jede seiner Taten kontrollieren. „ Du hast mich gefragt, was ich sehe, also nach meinem inneren Bild von dir. Dieses Bild ist vollkommen unabhängig davon ob du da bist oder nicht…“, sein Mund war auf einmal trockener als die Sahara, er hatte kurz die irrige Vorstellung, dass er bei jedem seiner Worte aus dem Mund staubte. Doch er schaffte es, seinen Satz fortzusetzen „… oder ob du gesund bist oder nicht. Diese Bild wird niemals von der Realität beeinträchtig!“ Wieder benötigte er eine kurze Pause. „ Von daher habe ich dir wahrheitsgemäß beantwortet.“ Er probierte irgendwie seine Augen zu öffnen, aber seine Augenlieder schienen mit dem Rest des Gesichtes verwachsen zu sein.

„ Du bist und bleibst komisch.“ Die Betonung der Worte verriet, dass sie mit den Augen rollte . „Dann sag mir mal, was wie die Realität aussieht.“ Jochanan schaute auf, die Augen immer noch geschlossen, und atmete tief ein. Dann konzentrierte er sich auf das Ausatmen und riss in einem Kraftakt seine Augen auf. Im ersten Augenblick schien er an der plötzlichen visuellen Flut zu ertrinken, dann nahm er endlich wieder klar wahr. „Na los, erzähl es mir“, forderte Fenja ihn auf. Jochanan setzte an und seine Stimme schien in einem Augenblick um 70 Jahre gealtert zu sein „ Ich sehe eine junge Frau mit einem sehr blassen, eigentlich eher elfenbleichen Gesicht. Das rötliche  ihrer Wangen war fast vollständig verschwunden und die restliche Farbe lässt ihr Gesicht fiebrig und krank aussehen. Ihr Lippen sind schmal und spröde. Der Kopf ist von einem Kopftuch bedeckt, dass in den Farben des Regenbogens leuchtet; von ihrer einstmals stolzen Haarpracht ist ihr offensichtlich nichts mehr geblieben. Auch ihre Augenbrauen fehlen, die dem Gesicht sonst einen sehr verträumten Ton gegeben haben. Die beiden Arme, die sie über ihrem Bauch gefaltet hat, sind sehr dünn; die Haut an ihnen wirkt wie Pergament. Ihre Hände scheinen nur noch aus Knochen zu bestehen; sie erinnern eher an die eines Skelettes als an die eines Menschen.“ Jochanans Stimme verlor sich in dem einsamen Piepsen irgend einer Apparatur. Er musste mehrmals kräftig blinzeln um wieder klar sehen zu können. Fenja hatte sich inzwischen in ihrem Bett aufgerichtet und schaute ihn ein wenig verwirrt an. Jochanan sah in ihre Augen, musste nochmals kräftig blinzeln und räusperte sich. „ Aber ihre Augen tragen immer noch das selbe Leuchten, die selbe Energie, das selbe Strahlen in sich wie die des Mädchens in meinem inneren Bild.“ Fenja lächelte; es war ein ehrliches und lebendiges Lächeln, dass im krassen Gegensatz zu ihrem verbrauchten Körper stand. „Und auch ihr Lächeln hat sich nicht verändert. Sie ist eben doch ein Geistwesen, dass sich nicht von ein wenig körperlichen Verfall aufhalten lässt.“ Das Lächeln auf Fenjas Gesicht verbreiterte sich noch ein wenig, es füllte ihr gesamtes Gesicht aus und für einen kurzen Augenblick überstrahlte die Krankheit. Für einen kurzen Augenblick sah sie wieder aus wie vor einem Jahr; vor zwei Jahren; vor einer Ewigkeit; in einer Ewigkeit.

Zeitfremde Schönheit!

Der Gedanke zauberte Jochanan ein Lächeln ins Gesicht. Fenja rückte in ihrem Bett noch ein wenig weiter nach oben und wischte damit dieses Lächeln wieder weg, verbannte diesen Gedanken aus dem Reich der Lebenden in das Reich der Lyrik. Ihr Körper war noch eingefallener als er das auf den ersten Blick bemerkt hatte, ihre Knochen wirkten fast wie Fremdkörper unter ihrer papierartigen Haut. Jede ihrer Bewegungen schien ein Kraftakt zu sein, zu dem sie nicht mehr lange im Stande zu sein schien. Fenja sah ihn wieder an und es schien, als ob sie Jochanans Gedanken gehört hätte. „Nimm dir einen Stuhl und setz dich. Du siehst gerade bleicher aus als ich!“ Jochanan sah sich in dem Zimmer um, sah, dass ein Stuhl direkt neben ihrem Bett stand und setzte sich. „Du hast meinen Zustand ziemlich treffend beschrieben“. Sie seufzte, betrachtete ihre Handflächen, versank für einen kurzen Moment in Trance. „Aber du hast von mir als „junge Frau“, in der dritten Person, gesprochen. Warum?“ Ein kurzer Blick auf Jochanan verriet Fenja, dass er um Worten, um Fassung rang. „Du kannst dieses Bild von mir, diesen toten Körper nicht akzeptieren, oder? Du konntest die Distanz und das ständige Auf und Ab akzeptieren. Aber da wusstest du, dass ich noch physisch vorhanden bin; noch lebe. Du bist ein Kämpfer. Diesen endgültigen Verlust kannst du nicht akzeptieren.“  Die letzen beiden Sätze waren eine Feststellung, und Jochanan litt unter dem Bewusstsein, dass sie recht hatte. Er sah ihr in die Augen; für einen kurzen Moment schien die Luft zu vibrieren, dann senkte er wieder seinen Kopf. „Es hatte nicht sein sollen.“ Sie ließ diese Worte im Raum stehen; gab keine Interpretationshilfe.

 Er wusste genau, auf was sie anspielte; er hatte keinen blassen Schimmer, wovon sie redete. Er wollte nicht darüber nachdenken; musste darüber nachdenken.

Fenja ließ ihren Blick auf Jochanan ruhen. Er hatte sein rechtes Bein über sein linkes geschlagen, die Arme darüber verschränkt und seinen Kopf darauf gelegt. Zwar konnte sie sein Gesicht so nicht mehr erkennen, aber sie kannte ihn schon zu lange, als dass er ihr verheimlichen konnte, was in ihm Vorging. Seelenverwandtschaft. Geschwister im Geiste. So hatte er das genannt, was sie verband; was alles, was sie trennte, überwand und sie trotzdem auf Distanz hielt. „Ich wollte dich sprechen, weil ich Angst habe. Angst vor dieser Straße ins Nichts, auf der ich mich befinde.“ Die Worte flossen einfach aus ihrem Mund, als ob sie in Fenjas Inneren schon lange auf ihren Auftritt gewartet hatte. „ Ich habe Angst vor dem vergessen werden und Angst vor der ewigen Finsternis. Außerdem hätte ich ein schlechtes Gewissen, dich, nachdem du mich eigentlich immer begleitet hast“, Jochanan war sich der ambivalenten Bedeutung von „immer begleitet“ durchaus bewusst; es schmerzte ihn umso mehr, als er diese Ambivalenz auch aus ihrer Stimme hören konnte, „einfach so gehen zu lassen.“ Jochanan hob seinen Kopf und schaute auf ihre Hände. „Ich könnte jetzt anfangen darüber zu reden, dass du keine Angst haben musst. Dass alles wieder gut wird. Das noch nichts verloren ist.“ Er schüttelte einmal kurz seinen Kopf. „Wir wissen beide, dass das nicht stimmen würde.“ Fenja sah ihn interessiert an. „Die Angst kann ich dir nicht nehmen. Aber ich kann dir ein kleines gedankliches Licht geben, das dir deinen Weg hoffentlich etwas erleichtert.“ Jochanan setzte sich wieder gerade hin und sah knapp an Fenjas Gesicht vorbei, schaute aus dem Fenster des Zimmers, in das angenehme Licht der Sonne. Er ließ eine kurze Pause entstehen. „Du bist ein „Geistwesen“, ein Mensch, dessen Ideen und Gedanken die Ausstrahlung des Körpers weit in den Hintergrund drängen. Deine Gedanken haben das Leben von verschiedenen Menschen,“ zumindest von einem, dachte Jochanan bitter, „verändert, verschönert. Du kannst also gar nicht vollständig verschwinden, denn du bist zumindest in der Vergangenheit, und sicherlich auch in der Zukunft vieler Personen verankert. Dein geistiger Einfluss wird weiter wirken, denn für den brauchte es deinen Körper nicht.“ Es entstand eine kleine Pause und Jochanan bemerkte, dass es Fenja zunehmend schwerfiel sich zu konzentrieren. Vermutlich Morphium… hoch dosiert, sagte die leise, aber bestimmte Stimme seines rationalen Ichs. Wissend, was diese Vermutung bedeutet; wissend, dass er das nicht wissen wollte. „ Du gehst dahin“, er zeigte aus dem Fenster in den mit Schäfchenwolken getupften Himmel, „du gehst…“ Jochanan musste schlucken, die Worte weigerten sich aus seinem Mund zu kommen. „Du gehst für immer. Aber dein Geist bleibt hier erhalten. Ich gehe dorthin“ er deutete auf die Tür des Zimmers, „ und ich verlieren meinen Weg.“ Er hob hilflos die Arme und suchte den Blick von Fenja. „Ich denke, ich war keine große Hilfe“. Fenja spielte mit einer Franse aus ihre Kopftuch. „Ich weiß jetzt immerhin, dass es nicht an mir liegt, mit meiner Situation überfordert zu sein. Und irgendwie beruhigt mich die Vorstellung, bleibend zu sein. Nicht vollkommen zu verschwinden.“ Es machte ihr sichtbar Mühe zu sprechen und ihre ganze Körperhaltung signalisierte ihr Bedürfnis nach Ruhe. Jochanan wollte sie darauf ansprechen, aber sie wusste, was er sagen wollte und kam ihm zuvor. „ Ich bin müde, viel zu müde. Danke, dass du gekommen bist, aber ich brauche wieder Ruhe.“ Einen kurzen Augenblick sahen sie beide am Gesicht des anderen vorbei, dann brachte Fenja die nötige Energie für den letzten Satz auf. „ Ich hoffe, wir sehen uns wieder…“

Jochanan glaubte, einen kleine Träne zu sehen, die langsam ihre Wange hinunterlief. Er wand seinen Blick schnell ab. Dann stand er von seinem Stuhl auf und kniete sich neben das Bett. Den verwunderten Ausdruck auf Fenjas Gesicht ignorierend, nahm er vorsichtig ihre rechte Hand, senke seinen Kopf und berührte vorsichtig mit seinen Lippen die pergamentartige Haut. Dann legte er ihre Hand wieder auf das Bett, verharrte noch einen kurzen Moment kniend und stand auf. Als er das große Fragezeichen in Fenjas Gesicht sah, musste er unwillkürlich grinsen. „ So hat man sich früher von schönen adligen Damen verabschiedet!“ Für einen kurzen Augenblick verschwand die Krankheit völlig aus Fenjas Gesicht und ihr Grinsen hatte den selben Glanz wie vor einer gefühlten Ewigkeit. „Du bist und bleibst ein Spinner. Bitte bleib so!“ Der Moment verging und das Gesicht verwandelte sich wieder in eine Totenmaske, aber das Lächeln auf ihrem Mund blieb. Jochanan ging zur Tür und schaute noch einmal zurück. Fenjas Kopf lag wieder auf dem Kissen, sie starrte an die Decke des Zimmers. Du wirst immer leben, immer leben, immer leben, riefen die Stimmen in seinem Kopf. Die Türklinke schien auf einmal verrostet zu sein und als sie dann endlich unter seinem Druck nachgab, versagten ihm seine Beine den Dienst. Er stolperte durch die Tür auf den Flur und sackte an der Wand zu Boden. „Frühestens wenn mein EEG eine Nulllinie zeigt, wirst du, wird dein Name, dein Charakter in Vergessenheit geraten.“ Dann raffte sich Jochanan wieder auf und stolperte den Flur entlang, die ganze Zeit etwas vor sich hin flüsternd. Nur wer genau hinhörte, verstand seine Worte. „Ich wollte, ich könnte tauschen.“

Mittwoch, 9. Januar 2013

Die diktatorischen Demokraten



Es sollte eine besondere Kulturreise werden, doch dann geriet euer Flugzeug in einen schweren Sturm. Den Flugzeugabsturz habt ihr knapp überlebt, aber es gibt verletzte unter euch. Ihr seid auf einer Insel gelandet, die alles bietet, was man zum überleben benötigt. Instinktiv wisst ihr, dass ihr nicht mehr von dieser Insel fliehen könnt.
Arbeitsauftrag: Erarbeite ein Gesellschaftsvertrag für eure Gruppe, der ein vernünftige Verfassung darstellt und krisenfest ist.

Die meisten Schüler, die Sozialwissenschaften hatten, werden wenigstens einmal eine Aufgabe in dieser Form bekommen haben. Meist werden die Gesellschaftsverträge dann in Gruppenarbeit erarbeitet und man hat unter Umständen sogar noch ein paar Hilfe, die auf die wichtigsten Probleme einer jeden Gesellschaft hinweisen. Man fängt also an einen Gesellschaftvertrag zu erstellen und stellt meist fest, dass es doch ein wenig schwieriger ist als anfangs erwartet. Doch dank der guten Grundausbildung, die man als Schüler in Sachen Sozialwissenschaften erhält, wird doch sicherlich ein annehmbarer Vertrag am Ende dabei herauskommen. Oder etwa nicht?

Im SoWi – Unterricht sind die meisten Schüler normalerweise davon überzeugt, dass die Demokratie das beste Herrschaftssystem ist, dass man sich momentan denken kann. Wenn man über die Herrschaftssysteme in anderen Staaten diskutiert werden die meisten ziemlich schnell darauf aufmerksam machen, wenn dort die Gewaltenteilung oder andere demokratische Strukturen fehlen. Auch das eigene System wird gerne kritisch beleuchtet und das Fehlen einer vollständigen Gewaltenteilung in Deutschland ist ein Thema, dass auch gerne mal zu heftiger Kritik an unserem System führt. Aus diesen Erfahrungen heraus denkt man also, dass die Schüler in dem Kurs echte Demokraten sind und die Gesellschaftsverträge dementsprechend auch demokratischer Natur sein werden. Wenn die Verträge dann aber vorgestellt werden, wird man schnell feststellen, dass man sich getäuscht hat.
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nteressanterweise sind die Mehrzahl der Verträge echte Diktaturen, ohne Gewaltenteilung, mit nur sehr eingeschränktem Mitspracherecht des Volkes und einem nahezu unangreifbaren Diktator als Führer. Als Argument für diese Art der Regierung wird meist genannt, dass doch einer führen muss, es würde schließlich auch in unserem Staat eine Person führen. Bei diesen Antworten kann man nur inständig hoffen, dass lediglich ein vorrübergehender Defekt im Gehirn des Gegenübers für diesen Satz zuständig ist. Es ist natürlich noch nicht allzu lange her, dass bei uns das „Führerprinzip“ galt und es haben vielleicht noch nicht alle mitbekommen, dass dieses Prinzip mittlerweile durch eine Demokratie ersetzt wurde. Dass die Entscheidungen der Bundesregierung nicht alleine von Frau Merkel kommen, sondern dass sie im Rahmen eines ziemlich langatmigen Prozesses entstanden sind, sollte eigentlich allgemein bekannt sein. Wozu gibt es sonst die unzähligen Landeskammern, die Ausschüsse, Kommissionen und Expertengremien? Eigentlich sollte man spätestens in der Oberstufe ungefähr darüber Bescheid wissen, wie politische Entscheidungen gefällt werden. Wenn man die Personen, die ihren Gesellschaftsvertrag diktatorisch gestaltet haben, besser kennt, fällt einem jedoch sehr häufig auf, dass sie sehr wohl wissen, wie man auf demokratische Art und Weise zu einer Lösung für verschiedenen Probleme kommt. Sie wählen meist sehr bewusst einen anderen Weg, da ihnen die schwierige Entscheidungsfindungen innerhalb einer Demokratie häufig einfach viel zu lange dauern. Wer den Film die Welle gesehen hat, erinnert sich vielleicht noch an die Frage, die Reinhard Wenger, ein Gymnasiallehrer und die Hauptperson des Films, zu Beginn des Filmes seinen Schülern stellte: „Ihr seid also der Meinung, dass die Diktatur in Deutschland nicht mehr möglich wäre?“ Die Schüler meinten alle, dass so etwas nicht mehr möglich sei, da sie zu aufgeklärt wären. Das darauffolgende Experiment lehrte sie in nur fünf Tage etwas anderes.

Der Film mag in einigen Bereichen etwas überzeichnet und in anderen ein wenig unlogisch sein, aber seine Kernaussage ist vollkommen richtig. Auch in unserem System könnte jederzeit eine Diktatur entstehen, es bräuchte nur die richtigen Leute zur richtigen Zeit an den richtigen Stellen. Die latente Bereitschaft, in so einem System mitzuwirken, bringt ein großer Teil der heutigen Jugend mit. Würde eine redegewandte Person, die auch noch gut aussieht und über ein wenig Charisma verfügt heute die Bühne der Politik betreten und diktatorische Ideen vermitteln, würde sie nach nicht allzu langer Zeit wahrscheinlich am Ziel ihrer Pläne sein. Diktaturen sind schließlich sehr bequem, solange man selber Nutznießer ist. Sie arbeiten häufig effektiver und schneller als Demokratien und sind oft auch in der Lage, einen gewissen nationalen Stolz zu wecken. Sie bieten also eigentlich alles, was eine attraktive Regierungsform benötigt.

Ich persönlich hoffe einfach, dass nie einer der Personen, die in dem Planspiel eine Diktatur entworfen hat, jemals in die Politik geht und dort Einfluss bekommt. Zwar gibt es viele Bereiche, in denen eine Demokratie einer Diktatur unterlegen ist, aber es gibt einen Bereich, in dem die Demokratie allein aufgrund ihrer Struktur überlegen ist: Das freie Selbstbestimmungsrecht der Bürger! Und dieses Recht ist so wertvoll, dass man es verteidigen sollte und dass man dafür auch die langen Diskussionen in einer Demokratie ertragen kann. Denn ein Leben in Freiheit möchte wahrscheinlich keiner missen. Vielleicht sollte man genau dies nochmal all den Personen ins Gedächtnis rufen, die eine Diktatur bevorzugt haben. Hoffentlich werden sie dann aufwachen und erkennen, dass manchmal der einfachste Weg nicht der beste ist! 

Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - 
abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind 
(Winston Churchill)

Montag, 7. Januar 2013

Die EEG-Umlage und ihre Folgen



In den letzten Tagen geisterte die Meldung, dass die Verbraucher für das Jahr 2012 nun fast 17 Milliarden Euro für Strom aus erneuerbaren Energien bezahlt haben, durch die Presse. Das entspricht zwar ziemlich exakt den 16,61 Milliarden, die die Bundesnetzagentur schon im Oktober 2011 für das Jahr 2012 prognostiziert haben, aber das muss der Leser schließlich nicht wissen. Die Kommentare, die dann unter den Artikel standen waren natürlich weitestgehend gegen die Einspeisung von „Öko-Strom“ in das Stromnetz. Gerne wurde dann noch süffisant auf den Anstieg der EEG-Umlage von 3,5 Cent im Jahr 2012 auf 5,3 Cent für das Jahr 2013 hingewiesen, meist mit der Schlussfolgerung, dass der Strom in Deutschland in spätestens 10 Jahren nicht mehr zu bezahlen ist. Auf den ersten Blick scheint dies der Fall zu sein, da die EEG-Umlage bis jetzt jedes Jahr anstieg und der Ausbau der erneuerbaren Energien noch lange nicht beendet ist. Wenn man sich aber ein wenig mit der Materie vertraut macht, sieht der Sachverhalt auf einmal fundamental anders aus.

Der ziemlich heftige Anstieg der EEG-Umlage um ca. 45 % lässt zu einem sehr großen Teil einfach darauf zurückführen, dass die Bundesregierung 2012 weitere Ausnahmeregeln beschlossen hat, die bestimmte Betriebe weitestgehend von der Zahlung der EEG-Umlage befreien. Die Unternehmen, die diese Umlage kaum noch zahlen müssen, sogenannte „privilegierte Unternehmen“, haben 2012 ca. 18% des Stroms verbraucht, aber nur 0,3% der EEG-Umlage getragen. Dieses krasse Missverhältnis hat Deutschland im Juli 2012 auch ein Beihilfeverfahren der EU-Kommission eingebracht, da diese hier eine eindeutige Wettbewerbsverzerrung sieht. Ein „privilegiertes Unternehmen“ wird man einfach dadurch, dass man sehr viel Energie verbraucht. Anstatt bei diesen Unternehmen einen Anreiz zur Senkung des Energieverbrauches zu setzten, belohnt man sie sogar noch dafür, dass sie viel Energie verbrauchen. Dies geschieht natürlich im Namen der „Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen Industrie“ und deshalb ist eine eventuelle Änderung dieser Regelungen auch von vornherein indiskutabel. Das dank diesem Verfahren viele Mittelständler, die auch viel Energie verbrauchen, aber nicht den Status eines „privilegierten Unternehmen“ erreichen, durch die höheren Energiekosten benachteiligt werden, ist anscheinend egal. Es scheint in diesem Fall eine eindeutige Klienten - Politik zugunsten der Großunternehmen stattzufinden. Würden alle Stromabnehmer gleichmäßig belastet, könnte die EEG-Umlage sogar auf ca. 3 ct/kWh abgesenkt werden. Das ist deutlich weniger, als die letzten zwei Jahre bezahlt wurde. Die Mär des teuren „Öko-Stroms“ wird also vor allem durch die vielen „privilegierten Unternehmen“ erzeugt, die zwar von den gesunkenen Strompreisen profitieren, aber dem Rest der Republik höhere Kosten hinterlassen.

Gesunkenen Strompreise? In den ersten drei Quartalen des Jahres 2012 lag der Strompreis an der Leipziger Strombörse bei 4,3 Cent, im Vorjahreszeitraum waren es aber noch 5,1 Cent. Würden die Stromversorger ihre gesunkenen Einkaufskosten an die Stromabnehmer weitergeben, so würde der Strom ca. 2 ct/kWh weniger kosten. Anstatt einer geringen Stromrechnung mussten Privatverbraucher aber seit 2008 ca. 20 % mehr für ihren Strom zahlen. Industriekunden konnten sich in diesem Zeitraum hingegen über eine Senkung des Strompreises um 3 % freuen. Strom wird durch die erneuerbaren Energien also nicht teurer, sondern billiger; es profitieren aber dank vielen verschiedenen Regelungen fast nur große Unternehmen davon. Wenn die Politik endlich vernünftige Anreize für die Stromversorger, Netzbetreiber und Großunternehmen setzten würde, die Energiewende zu unterstützen, wären wir  wahrscheinlich schon um einiges weiter. Aber solange es für die freie Wirtschaft billiger ist, nichts zu ändern, wird sich auch nichts ändern. Und es hat auch den Anschein, als ob viele Privatverbraucher in Deutschland nicht großartig an einer Änderung der aktuellen Situation interessiert sind. Man bekommt im Moment immer wieder den Eindruck, als ob viele Personen gerne sämtliche Atomkraftwerke wieder ans Netz nehmen möchten und dafür alle Windräder, Solaranlagen und das ganze andere „grüne Gewäsch“ wieder demontieren wollen. Meist begründen sie dies mit den riesigen Kosten, die im Zuge der Umstellung noch auf uns zukommen werden. Und in diesem Punkt stimme kann man den Kritikern auch voll und ganz zustimmen.

Die Förderung der Energiewende wird Deutschland noch einige Milliarden kosten, die, direkt oder indirekt, vom Steuerzahler finanziert werden müssen. Lohnt sich das überhaupt? Wer gerne mit Zahlen spielt, kann die Kosten der erneuerbaren Energien einmal mit den Kosten der Atomenergie, der angeblich billigsten Energie, vergleichen. Das Ergebnis wird einen wahrscheinlich zum Nachdenken anregen. Bis heute wurde die Atomenergie mit 204 Milliarden Euro subventioniert. Bis zum Ausstieg werden wahrscheinlich weitere 100 Milliarden dazukommen. Die Kosten der EEG-Umlage mit etwas mehr als 17 Milliarden in diesem Jahr und einer insgesamt sinkenden Tendenz nehmen sich geradezu klein dagegen aus. Eine Kilowattstunde Atomstrom wird vom Staat mit 4,3 ct/kWh subventioniert, das ist deutlich mehr, als die EEG-Umlage bis 2012 und nur ein wenig weniger im Vergleich zur EEG-Umlage 2013. In diesem Kosten sind die Kosten für die Entsorgung des Atommülls, den hunderttausendjährigen Betrieb von Endlagern und die unversicherbaren Risiken noch nicht mit einkalkuliert. Wenn man sich also über teure Energie beschweren möchte, sollte man vielleicht bei der Atomenergie anfangen. Danach kann man sich dann guten Gewissens auf den „Öko-Strom“ stürzen.

Es gibt einen Punkt in dieser gesamten Debatte, der mich persönlich immer wieder sehr betroffen macht. Es wird über Kosten, wirtschaftliche Risiken und die Notwendigkeit von „Öko-Strom“ gestritten, aber es redet niemand über die langfristigen Aussichten. Auf lange Sicht werden Öl und Gas zu knapp sein, um aus ihnen noch Strom produzieren zu können und Atomkraft ist aufgrund des viel zu großen immanenten Sicherheitsrisikos auch nicht tragbar. In Zukunft werden alle Staaten der Welt auf erneuerbare Energien umsteigen müssen, oder sie lernen vollständig ohne Strom zu leben. Solange wir noch problemlos über Strom aus fossilen Energieträgern verfügen, sollten wir die Chance nutzen, unser System vollständig auf regenerative Energien umzustellen. Fangen wir damit erst an, wenn das System zu kippen beginnt, werden wir mit großer Sicherheit diese Herausforderung nicht mehr bestehen. Legen wir jetzt den Grundstein für eine Energieversorgung aus regenerativen Energien, haben die nachfolgenden Generationen immerhin eine Chance auch in Zukunft noch über Strom zu verfügen. Aber da die Zukunft anscheinend keinen interessiert, bleibt es beim Bitten und Bangen ob die Energiewende vollständig ablaufen wird. Solange wir jedoch von fossilen Energieträgern abhängig sind, sind unsere Überlebenschancen in der Zukunft Fall eher gering.  

Erst kommt die Katastrophe, dann die Einsicht - 
Zu spät!

Freitag, 4. Januar 2013

Strahlender Müll



Kurz vor dem Höhepunkt des Wahlkampfes in Niedersachsen bringt die Bundesregierung noch einmal ein wenig Schwung in die sonst so zäh geführte Debatte um die Atompolitik. Im Rahmen einer Gesetzesinitiative möchte die Bundesregierung das deutsche Atomrecht so ändern, dass "radioaktive Abfälle oder abgebrannte Brennelemente zum Zweck der Endlagerung" ins Ausland gebracht werden dürfen. Diese Änderung soll durchgeführt werden, damit das deutsche Atomrecht den EU-Richtlinien angeglichen wird. Man übersieht dabei jedoch geflissentlich, dass die EU-Richtlinien außerdem vorsehen, dass man seinen eigenen Atommüll vorrangig im eigenen Land lagern soll. Natürlich fangen jetzt wieder die Argumentationen über den Sinn und Unsinn von „Atomstrom“, die Nützlichkeit der „Energiewende“ und über Versorgungsprobleme an. Das eigentliche Kernproblem wird jedoch wieder von vielen Personen sträflich ignoriert. Dass es in Deutschland Atommüll gibt und dass man diesen Müll irgendwie lagern muss, ist aber ein Faktum, das man nicht einfach wegdiskutieren oder ignorieren kann.

In Deutschland wird die Kernkraft seit über 30 Jahren kommerziell genutzt und in diesem Zeitraum sind bereits über 180.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle angefallen. Dies klingt zwar nach einer unheimlich großen Menge an Müll, aber glücklicherweise ist der größte Teil dieses Abfalls halbwegs ungefährlich und muss nicht für mehrere Hunderttausend-, oder Millionen Jahre eigelagert werden. Die radioaktiven Abfälle werden in drei Stufen untergliedert, sodass man zwischen leicht-, mittel,- und hochradioaktiven Substanzen unterscheidet.  Die schwach-, und mittelradioaktiven Substanzen benötigen eine Abschirmung, müssen aber noch nicht gekühlt werden. Da man diesen Müll also nicht in Castoren lagern muss, wird er in korrosionsbeständige Behälter eingeschweißt und in einem Zwischen -, oder „Endlager“ aufbewahrt. Das diese Aufbewahrung alles andere als Problemlos ist, zeigt die Debatte um das Lager „Asse“ immer wieder aufs neue. Die Behälter mit dem Müll wurden vielfach einfach mit Radladern in die dafür vorgesehenen Räume geschüttet, ohne dass man einen Plan davon gemacht hätte. Häufig wussten die für die „Entsorgung“ verantwortlichen Personen selber gar nicht, was sich überhaupt in den Behältern befindet, da der Inhalt der Behälter, wenn überhaupt, nur sehr allgemein angegeben wurde. Die Bilder der planlos in die Kammern des Salzstockes geschütteten Fässer, die teilweise schon korrodiert waren, sollten eigentlich eine sehr deutliche Sprache sprechen. Mittlerweile scheint auch die Politik verstanden zu haben, dass die Entsorgung dieses Abfalls doch nicht so einfach ist, aber so wie es im Moment leider aussieht, wird ein großer Teil dieses strahlenden Müllberges nicht mehr geborgen werden können. Es ist dann natürlich an der Politik, dafür zu sorgen, dass dieser Müll in den nächsten Jahrhunderten oder Jahrtausenden niemals mit Wasser in Berührung kommt. Da die Erfahrung jedoch leider gezeigt hat, dass es ziemlich schwierig, um nicht zu sagen, unmöglich ist, alte Bergwerke stabil zu halten, wird dies sicherlich noch eine „spannende“ Aufgabe sein.

Der größte Teil der radioaktiven Abfälle gehört zu den beiden Kategorien, die man noch halbwegs „einfach“ lagern kann. Wenn man bedenkt, welche Probleme allein dieser Abfall schon macht, bekommt man eine gute Vorstellung davon, welche Probleme der hochradioaktive Abfall aufwirft. Neben der starken Strahlung dieses Abfalls ist eines der Hauptprobleme die Wärme, die dieser Abfall produziert. Hochradioaktiver Abfall muss deshalb immer in Castoren gelagert und transportiert werden, da diese Behälter die Wärme meist ausreichend an die Umgebung abgeben. Ist die Wärmeabgabe aus irgend einem Grund einmal nicht gewährleistet, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis der Behälter, der das radioaktive Material umfasst, schmilzt und die radioaktive Substanz in die Umwelt entlässt. Weltweit entstehen, laut der World Nuclear Association ( WNA), einer  internationalen Lobbyorganisation, die Atomkraft bewirbt, jährlich 12.000 Tonnen hochradioaktiver Abfall. Der deutsche Anteil, mit 450 Tonnen, ist dabei zwar verhältnismäßig gering, aber schon diese verhältnismäßig kleine Menge führt zu enorm vielen Problemen. Bis heute hat Deutschland kein Endlager für hochradioaktiven Müll. Beruhigender weise befindet sich Deutschland da in guter Gesellschaft mit allen anderen Staaten der Welt. Zwar werden weltweit verschiedenste Gebiete untersucht, aber bis heute gibt es kein einziges „Endlager“ für Atommüll. Dies liegt mit Sicherheit nicht an den Reaktorbetreibern, da diese ein sehr vitales Interesse daran haben, die gesamte Diskussion um die Endlager endlich zu stoppen, sondern vielmehr an der Unerfüllbarkeit der Aufgabe selber. Ein potentielles Endlager muss über hunderttausende Jahre hinweg geologischen vollkommen inaktiv sein, darf kein Wasser führen, muss schnell  zugänglich sein und muss vor allem strahlungsisolierend und strahlungsstabil sein. So lange sich unsere Erdkruste jedoch auf einem Meer aus geschmolzenem Gestein befindet, dass ständig in Bewegung ist, wird die Suche nach einer geologisch inaktiven Schicht nie beendet werden. Unsere Erde ist ständig in Bewegung und solange wir Menschen leben wird sich daran nie etwas ändern. Wenn also irgend ein Platz ausgewählt wird, muss man immer daran denken, dass eines Tages ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch oder ähnliche Ereignisse die Behälter vielleicht doch zerstört. Ein weiteres Problem ist die politische Stabilität, die man in der Region des Lagers garantieren  muss. Im Falle eines Krieges kann man aus Atommüll sehr schnell „schmutzige“ Bomben bauen, die ganze Landstriche auf Jahrtausende unbewohnbar machen. Und ein kurzer Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass politische Stabilität anscheinend etwas ist, dass nicht mit der Natur des Menschen zu vereinbaren ist. Da ein unterirdisches Lager aufgrund des geologischen Problems ausfällt und das Lager außerdem außerhalb der Reichweite von Menschen sein muss, werden immer wieder unbewohnte Landstriche und der Weltraum als mögliche Lager vorgeschlagen.

Der Weltraum scheidet, von den Kosten einmal ganz abgesehen, allein schon deshalb aus, weil man zehntausende Raketen mit Atommüll ins All schießen müsste. Diese hohe Anzahl garantiert, dass einige dieser Raketen einen Unfall erleiden werden, sodass der Müll dann, über eine sehr große Fläche verstreut, wieder auf die Erde kommen würde. Und ein kleiner, atomarer Regen auf New York ist wahrscheinlich keine sonderlich erquickende Vorstellung. Die Idee der Lager auf unbewohnten Landstrichen klingt auf den ersten Blick erst einmal ganz vielversprechend. Die Antarktis kommt infolge eines Schutzabkommen dafür nicht in Frage und da Russland doch sogar dafür wirbt, Atommüll aufzunehmen, sollte das Problem doch eigentlich gelöst sein. In Russland lagerten 2008 schon mehr als 700.000 Tonne radioaktiver Abfall, ein großer Teil davon vermutlich überirdisch. Die vielen, leeren Gebiete in Russland, vor allem in Nordsibirien, laden doch geradezu zur Endlagerung ein . Abgesehen von diesen Gebieten hat Russland außerdem noch einige, schon verstrahlte Gebiete vorzuweisen, bei denen die dazukommende Strahlung auch keinen großen Schaden mehr anrichten würde. So gut diese Idee in vielen Ohren auch klingen mag, so schlecht ist sie dann bei genauerem Nachdenken dann doch. Zum einen werden die Castor-Behälter, da sie häufig im freien gelagert werden, im Laufe der Zeit korrodieren und irgendwann wird die radioaktive Substanz wieder in die Umwelt entlassen. Dieser Prozess mag vielleicht einige hundert Jahre in Anspruch nehmen, aber irgendwann haben wir unseren eigenen Müll, fein in der Luft und im Wasser verteilt, wieder. Und wenn sich erst einmal eine größere Menge eines radioaktiven Stoffes in einer der höheren Luftströmungen befindet, kann sie problemlos um die halbe Welt reisen und über irgend einer Großstadt als Regen niedergehen. Ein zweites, viel aktuelleres Problem ist das Problem von Diebstählen. Terroristische Gruppen freuen sich natürlich, wenn sie einfach in Besitz von radioaktivem Müll kommen, da sie diesen gut als „schmutzige“ Bombe nutzen können. Dies ist heute schon kein großes Problem mehr und es wundert mich, dass noch keine Organisation so eine Bombe in London oder Paris gezündet hat. Aber man muss es diesen Personen nicht noch einfacher machen, indem man die Müllberge in diesen Gebieten noch vergrößert. Neben Terroristen stellen vor allem Schrotthändler eine Gefahr für Atommüll dar. Wenn dieser Müll auf einer normalen, öffentlichen Müllkippe verklappt wird, kann es schon mal passieren, dass ein Schrotthändler die Fässer haben will und sie öffnet und den Müll auskippt. Zwar scheint so etwas bis jetzt noch nicht mit Fässern passiert zu sein. Dafür gab es jedoch schon mindestens zwei Unfälle mit medizinischen Geräten, die, trotz dass sie radioaktiv strahlten, auf Müllhalden gelandet sind. Der Unfall mit den weitreichendsten Folgen fand in der brasilianischen Stadt Goiania statt. Ein Schrotthändler öffnete dort eine Kapsel, die bei der Strahlentherapie verwendet wird. Schlussendlich waren viele Teile der gesamten Stadt verstrahlt und es wurden 112.800 Personen untersucht, von denen 249 aufgrund ihrer Verstrahlung in Quarantäne gebracht wurden. Mindestens vier Personen starben an akuter Verstrahlung und über 500 Personen leiden an den Spätfolgen ihrer Verstrahlung. Bis heute werden in einigen Stellen der Stadt erhöhte Strahlenwerte gemessen. Man sollte bei diesem Unfall beachten, dass es keine hunderte Kilo von radioaktiven Material verteilt wurden, sondern lediglich der Inhalt einer Strahlentherapie-  Einheit. Und so eine Einheit enthält keine hunderte von Kilo, sondern lediglich einige hundert Gramm an radioaktivem Material.

Die Vorstellung, dass man mit einigen Kilo hochradioaktivem Abfall vermutlich ganze Städte auslöschen kann, ist beängstigend. Die Vorstellung, diesen Abfall dann außerhalb der eigenen Kontrolle zu haben, ist jedoch beängstigender. Und der Fakt, dass wir weiterhin lustig tonnenweise radioaktiven Müll produzieren, ohne zu wissen, was man damit machen soll, ist reiner Wahnsinn. Wenn man die Fakten über das Entsorgungsproblem des radioaktiven Abfalls vernünftig durchdenkt, wird man nicht darüber hinwegsehen können, dass wir so schnell es geht aufhören müssen, neuen zu produzieren. Außerdem werden wir uns wahrscheinlich damit anfreunden müssen, dass die einzig vernünftigen Endlager oberirdische Lager sind, die streng bewacht werden. Aber da solche Ansichten unpopulär sind, wird die Politik dieses Problem wahrscheinlich solange verschludern, bis wir ernsthafte Probleme durch diesen Müll bekommen werden. Nur dass es dann zu spät für irgendwelche Aktionen sein dürfte…

Billiger Atomstrom in Deutschland - 
Strahlendes Wetter in Russland