Montag, 24. Dezember 2012

Weihnachtswunder



Was treibt einen als Atheisten an Weihnachten eigentlich immer wieder in die Kirche?

Zum einen sicherlich die Familie, die Tradition; das Gefühl, dass ohne diesen Kirchenbesuch nicht wirklich Weihnachten ist. Aber ist die Familie alleine Argument genug, wenn man doch auch normalerweise häufiger Sachen anders macht als der Rest der Familie?

Zum anderen ist da aber auch einfach das „Bedürfnis“ nach Musik und heiler Welt, nach Sehnsucht und Kerzenglanz. Wenn man selber gerne Orgelmusik hört und singt, ist Weihnachten ein ziemlich gutes Datum für eine Kirchenbesuch. Zwar ist der Gottesdienst meistens etwas länger als normal, dafür aber die Liederauswahl deutlich besser. Wenn ich sich in der sehr „weichen“ Akustik der Kirche zum Gesang des Gospelchores in die Kirchenbank lümmeln darf, ist das für mich immer wieder ein Erlebnis. Und wenn dann die gesamte Gemeinde, an Weihnachten sind das immer weit über 100 Personen, Weihnachtslieder singt, erfreut sich mein kleines, naives Herz immer noch daran.

Der dritte Punkt dafür, dass der weihnachtliche Kirchenbesuch nicht eine lästige Zwangsveranstaltung ist, sondern etwas, vorauf man sich freut, ist die Neugierde. Die Grundzüge der Weihnachtsgeschichte sind einem eigentlich schon seit seiner Kindergartenzeit bekannt, spätestens in der Grundschule kennt man sie weitestgehend auswendig. Und doch schafft es der Pastor jedes Mal aufs Neue sie so vorzutragen, dass man sie gerne hört. Mal wählt er eine andere Perspektive, mal betrachtet er einen anderen Aspekt, mal erzählt er sie in Form eines anderen Gleichnisses. Es mag wahrscheinlich komisch klingen, aber ich bin jedes Mal aufs Neue darauf gespannt, wie die Weihnachtsgeschichte diesmal erzählt wird. Es ist fast ein wenig wie Bescherung, wenn man dann eine Version der Geschichte hört, die einen erneut fasziniert.

So geschieht an Weihnachten doch jedes Jahr aufs neue wieder ein kleines Wunder: Ein Atheist besucht freiwillig und gerne einen Gottesdienst, der meist über eine Stunde lang dauert. Hoffentlich wirkt dieses Weihnachtswunder noch lange Jahre!

Frohes Fest und schöne Feiertage euch allen!


Freitag, 21. Dezember 2012

Waffen zur Selbstverteidigung?



Schon kurz nachdem der Amoklauf in Amerika, in einer Grundschule in Newtown mit 28 Toten, von den Medien gemeldet wurde, ist wieder eine Grundsatzdiskussion über das Waffenrecht in Amerika losgebrochen. Es wurden die selben Argumente vorgebracht wie jedes Mal, wenn wieder jemand mit einer Feuerwaffe wahllos Menschen tötet. Dieses Mal aber scheint in die verkrusteten Fronten aber ein wenig Bewegung geraten zu sein, da Obama endlich angekündigt hat, tatsächlich etwas am Waffenrecht zu ändern. Dass das sehr liberale Waffenrecht in Amerika einer Revision bedarf, sollte nicht erst nach diesem Amoklauf klar sein, aber wahrscheinlich mussten wirklich erst Grundschulkinder sterben, bevor man sich darüber ernsthafte Gedanken machen konnte.

Das Recht auf Waffenbesitzt ist in der Amerika in der Verfassung festgeschrieben, beruht jedoch auf historischen Gegebenheiten und ist heutzutage deshalb eigentlich überholt. Dies liegt vor allem daran, dass im 18.Jahrhundert das Nachladen einer Waffe noch bis  zu zwei Minuten gedauert hat, während moderne Sturmgewehre heute 30 Schuss innerhalb einiger Sekunden abgeben können.

Es gibt in jeder Gesellschaft eine bestimmte Anzahl von Menschen, die aus verschiedensten Gründen heraus andere Menschen töten wollen. Je schwerer diese Menschen an Waffen herankommen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen anderen Menschen töten.

Das Elegante an dieser Art der Argumentation ist, dass sie vollkommen unabhängig von Gründen für die Tat funktioniert. Sie stellt lediglich einen einfachen Mechanismus fest, der in jeder Situation wahr ist. Man kann sie auch nicht mit dem Argument der Selbstverteidigung aushebeln, da dieses Argument schon davon ausgeht, dass die potentiellen Täter einfachen Zugang zu Waffen haben. Abgesehen davon ist die Argumentation, das Schusswaffen unbedingt zur Selbstverteidigung benötigt werden, sowohl aus praktischer als auch aus theoretischer Sicht nicht zu verteidigen.

Die allermeisten Situationen, in denen man die Schusswaffe zur Selbstverteidigung nutzen könnte, entstehen plötzlich. Ein Amokläufer kündigt sich im Regelfall genauso wenig an wie ein Räuber. Steht jedoch plötzlich eine Person mit einer Schusswaffe, im schlechtesten Fall sogar mit einem Sturmgewehr vor einem, dann sind die Chancen, dies zu überleben, enorm gering. Während der Schütze nur einen Bruchteil einer Sekunde benötigt um den Abzug seiner Waffe zu betätigen und einen zu töten, braucht man selber deutlich länger um die eigenen Waffe zu ziehen, selbst wenn sie in einem Schulter-/Beinholster getragen wird, zu entsichern, zu zielen und zu schießen. Das Tragen einer Schusswaffe mag zwar eine beruhigende Wirkung auf einen haben, aber einen effektiven Schutz vor einem Überfall oder einem Amoklauf kann sie nicht bieten.

Von diesem praktischen Aspekt einmal abgesehen, ist das Recht, eine Schusswaffe zur Selbstverteidigung zu tragen, auch von theoretischer Seite höchst fraglich. Der NRA, die Schusswaffen zur Selbstverteidigung bewirbt, sieht damit eine Chancengleichheit zwischen „Täter“ und „Opfer“ hergestellt. Wäre so eine „Chancengleichheit“ aber nicht auch dann hergestellt, wenn nur noch Messer erlaubt wären? Wenn man wirklich Waffen zur Selbstverteidigung haben möchte, dann müssen dies zwangsläufig Nahkampfwaffen sein, da bei diesen der Überraschungseffekt meist nicht so heftig ausfällt wie bei Schusswaffen und man dementsprechend mehr Zeit hat zu reagieren. So hätte ein Amokläufer mit einem Messer das Überraschungsmoment vielleicht noch beim ersten Opfer auf seiner Seite, danach müsste er jedoch damit rechnen, dass alle weiteren Opfer ihre Messer schon gezogen haben und sich verteidigen könnten. Mit einer Schnellfeuerwaffe hingegen hätte er wahrscheinlich schon die Hälfte seiner Opfer getötet, bevor jemand reagiert hätte. Außerdem sind Messer so billig, dass es sich jeder leisten könnte, sich mit so einer „Selbstverteidigungswaffe“ ausstatten zu können. Bei Schusswaffen hingegen ist dies nicht der Fall. Sie sind sogar diskriminierend, da arme Personen sich vielleicht gerade mal eine Pistole leisten können, während reiche Personen sich Sturmgewehre mit einem erweiterten Magazin kaufen könnte. 

Wie man deutlich sieht, gibt es keine vernünftigen Gründe dafür, dass es für Privatpersonen ein Recht auf Schusswaffenbesitz geben sollte. Doch wird sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in Amerika auch nach diesem Amoklauf nichts großes an den Waffengesetzen ändern. Vielleicht wird der Verkauf von Sturmgewehren eingeschränkt oder Halbautomatikwaffen verboten. Doch werden wir wahrscheinlich nicht allzu lange auf einen erneuten Amoklauf waren müssen. Wenn das System einmal wirklich krank ist, dauert es leider meistens sehr lange, bis es wieder gesundet. 

Es ist der Mensch, der den Abzug betätigt, doch die Kugel die tötet! 

Sonntag, 16. Dezember 2012

Der Mann und sein Klavier



Er zupfte sich noch einmal seine Fliege zurecht, dann legte er auch seine linke Hand auf das Klavier und begann zu spielen. Die ersten paar Sekunden noch ein wenig zögerlich, dann schloss er die Augen und ließ die Musik fließen. Seine Gedanken wurde zu Musik, sein Herz schlug Musik, durch seine Adern floss Musik. Er hatte als erstes Stück ein verhältnismäßig leichtes, aktuelles Lied aus den Charts ausgesucht und schon nach kurzer Zeit hörte er im Publikum einige Personen, die leise den Namen des Stückes flüsterten. Als er den richtigen Namen des Stückes hörte, war auf seinen ruhigen, ebenmäßigen Gesichtszügen ein kurzes Lächeln zu sehen. Zwar war dies nicht die Musik, die er bevorzugt spielte, aber wenn man auf einem Weihnachtsmarkt Menschen anzulocken wollte, musste man erst einmal mit etwas bekanntem anfangen. Immer mehr Menschen drängelten sich in die Nähe der Musik und probierten wenigstens einen Blick auf den Spieler zu erhaschen. Die Personen, die weiter vorne Standen sahen einen Mann, der vermutlich Mitte bis Ende dreißig war und einen Zylinder trug, unter dem einige tiefschwarze Haare hervorguckten. Der Mann sah ein wenig so aus, als ob er durch eine spontane Zeitverschiebung aus dem frühen 19. Jahrhundert direkt mitten in die Fußgängerzone einer Großstadt des 21. Jahrhunderts versetzt wurde. Der Korpus des Klaviers schien aus Ebenholz gefertigt zu sein und das schlichte Schwarz schien fast schon mit dem Schwarz des Fracks zu verschmelzen. Die einzige Verzierung auf dem Korpus war ein Ornament, dass aus zwei sich umschlingenden Rosen bestand und mittig auf jedem Seitenstück prangte. Um lauter zu klingen hatte der Mann vor dem spielen sowohl die Abdeckung oberhalb als auch unterhalb der Klaviatur abgenommen, sodass man direkt auf die Mechanik gucken konnte. Das Klavier stand auf einer Art großen Rollbrett, damit der Mann es durch die Fußgängerzone schieben konnte und nicht immer an der gleichen Stelle bleiben musste. Während die meiste Zuschauer übersahen, dass der Mann dünne, weiße Handschuhe trug, so bemerkten sie alle ausnahmslos, dass seinen Hals eine blutrote Fliege zierte. Während die meisten Zuschauer dies für eine persönliche Marotte des Straßenmusikers hielten, so wendeten ein paar andere ihre Blicke regelrecht entsetzt ab und beschleunigten ihre Schritte.

Die Schallwellen des Klaviers hallten durch die Fußgängerzone, prallte an den langen Glasfronten der Kaufhäuser ab und verbreitete sich weiter. Inzwischen hatte der Mann sein erstes Stück beendet und war für einen kurzen Moment völlig in sich versunken. Ein verzagter Applaus begann und er richtete sich wieder auf, streckte kurz seine Finger und begann erneut. Diesmal jedoch kein Stück aus den Charts, sondern etwas selbstkomponierte. Er nannte das Stück, eine Art Requiem, „Last of the many“, aber er hielt es nicht für notwendig es dem Publikum vorzustellen. Sie würden es schon begreifen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Im Gegensatz zu seinem ersten Stück begann er jetzt selbstbewusst und energiegeladen. Die Musik, die durch seine Adern floss, begann auch seine Hände und Füße in Musik zu verwandeln. Sie bewegten sich vollkommen elegant, scheinbar ohne Anstrengung oder Steuerung. Die langsame, traurige, aber dennoch energiegeladene Melodie begann sich in der Fußgängerzone auszubreiten und beruhigte die vorweihnachtliche Hektik der Menschen. Sie blieben stehen und lauschten gebannt, wenn auch meist nur für einen kurzen Moment, einer Melodie, die nach Sehnsucht klang. Wenn sie dann weitergingen war in ihren Köpfen Ruhe eingekehrt und ihre Herzen schlugen etwas weniger schnell. Eine angenehme Atmosphäre bereitete sich um den Pianisten herum aus und der Kreis der Zuhörer wurde schnell immer größer. Noch immer hatte der Mann in dem schwarzen Frack die Augen geschlossen und wiegte sich im Einklang mit der Melodie. Er öffnete sie auch nicht, als er dieses Stück beendet hatte und mit dem nächsten Begann. In der kurzen Pause zwischen zwei Stücken sackte er lediglich etwas in sich zusammen und schien sich geistig auf die neue Melodie vorzubereiten. Er spielte noch drei weitere Stücke, zwei davon waren Filmmusik, eines war selbstkomponiert, dann hielt er inne und öffnete die Augen. Während ihm nach seinem ersten Stück nur ein spärlicher Applaus zuteil wurde, konnte sich dieser Applaus wirklich sehen lassen. Nachdem er einige Sekunden inne gehalten hatte, stand er von seinem Hocker auf und verbeugte sich nach allen Seiten. Der große Zylinder verdeckte dabei sein Gesicht, die Zuschauer, die einen kurzen Blick auf sein Gesicht werfen konnten, sahen dort eine groteske Mischung aus größtem Glück und endloser Traurigkeit. Dann stellte den Hocker auf das Rollbrett unter dem Klavier und schob es weiter, um an einem anderen Ort der Fußgängerzone Musik zu verbreiten. Die Menschenmenge zerstreute sich langsam wieder und jeder ging seinen Weg, allerdings deutlich ruhiger, glücklicher und beschwingter als er zuvor war.

Ein kleines Mädchen blieb jedoch leise weinend zurück. Nachdem ihre Mutter, die in der Zuschauermenge weiter hinten gestanden hatte, sie auf den Arm nahm, drückte ihr das Mädchen ein zwei Euro Stück in die Hand und vergrub sein Gesicht schluchzend ihn ihre Wange. „Der Mann hatte gar keinen Hut rumgehen lassen…“ Das kleine Mädchen verstand die Welt nicht mehr. Es hatte doch so gerne das Geld in den lustigen Zylinder schmeißen wollen.

Den gesamten Tag zog der Mann mit seinem Klavier durch die Fußgängerzone der Stadt, spielte einige Zeit, verbeugte sich dann und zog dann weiter. Überall wo er war verbreitete er Ruhe und Gelassenheit. Als er in der Nähe eines Glühweinstandes spielte, kam am Ende seines Spiels der Besitzer auf ihn zu und bot ihm an, sich doch ein wenig zu wärmen. Dankend nahm der Mann das Angebot an, blieb jedoch nicht lange und spielte schon kurz darauf wieder an einer anderen Stelle der Stadt. Am Morgen, als er angefangen hatte, waren die Temperaturen zwar noch relativ warm gewesen, aber im Laufe des Nachmittags wurde es empfindlich kalt. Immer wieder rieb der Mann seine Hände nun in den Spielpausen und bewegte seine Finger, damit sie nicht auf einmal in der Kälte erstarren. Als der klare, wolkenlose Himmel sich langsam rot färbte und die Außenthermometer an den Apotheken und Banken nun Minusgrade anzeigten, machte sich der Mann auf zu seinem letzen Spiel.

Er suchte sich eine relativ enge Stelle innerhalb der Fußgängerzone aus, die jedoch von zwei Galerie-Eingängen gekreuzt wurden. Sorgfältig positionierte er das Klavier, rückte den Hocker vorsichtig ein wenig hin und her, bis er passend stand und schüttelte noch einmal seine klammen Finger aus. Dann begann er zu spielen. Dieses letzte Mal begann er nicht mit einem Stück aus den Charts, sonder fing sofort mit seinen eigenen Kompositionen an. In seine ersten paar Takte schlich sich der eine oder andere Fehler ein, da die Kälte schon tief in seinen Fingern saß, aber schon ein paar Takte weiter war er wieder vollkommen in seinem Element. Die Musik in seinen Adern, seinem Herz und seinem Kopf brannte und schon nach kurzer Zeit waren auch seine Finger nicht mehr kalt. Anstatt nach dem ersten Stück eine Pause zu machen, begann er in den letzten fünf Takten eine Überleitung zum nächsten Stück und spielte weiter. Seine anfangs noch etwas zurückhaltenden Bewegungen wurden jetzt immer ausholender, für die Zuschauer schien es fast so, als ob sein Körper die Musik dirigieren würde. Die Lautstärke und das Tempo seiner Musik steigerte sich nun von Stück zu Stück. Von den Geräuschen der Zuschauer erreichte ihn nichts mehr. Der gesamte Lärm des Weihnachtsmarktes war ausgeblendet. Für ihn gab es nur noch seine Musik. Die Intensität seiner Stücke steigerte sich noch ein wenig. Sein Bewusstsein hatte die Kontrolle über ihn völlig abgegeben. Nun steuerten nur noch seine Emotionen. Er spielte regelrecht in einem Rausch. Dann ließ er sein letztes Stück ausklingen und hielt einen Moment lang inne. Diesmal sackte er nicht in sich zusammen, sondern richtete sich auf, streckte seinen Rücken und hob seinen Kopf. Dann legte er seine Hände auf die Klaviatur und räusperte sich kurz „ Das nächste Stück ist das letzte für heute Abend. Es heißt „Requiem for a dream“. Genießen sie es!“ Einige Zuschauer waren etwas irritiert, da er, während er dies sagte, seine Augen noch geschlossen hatte. Als er seine Augen mit dem ersten Ton öffnete, sah lediglich ein fünfjähriger Junge hinein. Er sah sie für einen kurzen Augenblick, doch der reichte aus um ihn sofort hinter seiner Mutter herlaufen zu lassen, die schon weitergegangen war. Die eigentlich schwarz-braunen Augen des Pianisten schienen zu brennen. In ihnen loderte das Feuer der Musik, in Verbund mit der Flamme der Verzweiflung.

Das Stück begann mit leisen, vereinzelten Tönen, nur unterbrochen von einem ständig wiederkehrenden lauten Bass-Ton. Doch anstatt sich in der weite der Straße zu verlieren, schien der Klang in ihr intensiviert zu werden. Als er Mann dann zum ersten Crescendo des Stückes kam, lies er den klang so gefühlvoll und kräftig anschwellen, dass der Eindruck entstand, es müssen wenigstens zwei Klaviere das Stück spielen. Der anschließenden Wechsel zum erneuten Piano wurde fast schon erleichtert begrüßt, dennoch sehnte sich das Publikum nach dem nächsten Crescendo, nach dem nächsten Mal, an dem ihre Seelen klangen. In den kurzen Pausen des Stückes hörte man kein Geräusch mehr. Das Publikum war verstummt, verzaubert und hörte völlig gebannt auf den verklingenden Klang, in gespannter Erwartung auf den neuen Ton. Bei seinem letzten Crescendo schienen die Augen des Mannes zu glühen. Seine Finger und die Tasten waren eine Einheit geworden und es war, als ob die Tasten bei jeder Berührung funken wurden. Er konnte sich in diesem Stück nicht mehr verspielen, er war das Stück geworden. Nach der letzten Pause begann er zum letzten Mal die Melodie zu spielen. Ganz leise und verhalten; sie klang nach Trauer, Sehnsucht und unerfüllten Träumen. Der Mann genoss die letzten Sekunden seines Rausches, er ließ seine Emotionen die Töne zaubern und gab sich ein letztes Mal ganz der Melodie hin. Der letzte Ton des Stückes klang, obwohl er sehr leise gespielt wurde, noch einige Zeit nach, da eine fast absolute Stille unter den Zuschauern herrschte. In diesem Ton lag eine ganz besondere Tragik, die das Herz der ein oder anderen Person für einen kurzen Moment erzittern ließ. Dann, als er endgültig verklungen war, brach der Beifall los.
  
Der Mann schaute ins Publikum und lächelte. Er griff in seine Tasche. Er drückte einen Knopf. Er verschwand in einer großen Explosion.

Am nächsten Tag berichteten alle Zeitungen in Deutschland von dem „Attentäter-Pianisten“, nannten die Totenzahlen, sprachen von „50 Kilo TNT-Äquivalent“ und fragen sich nach dem Grund.

In der kleinen Wohnung den Mannes lag mittig auf den Notenpult in seinem Wohnzimmer ein gelber  Din A4 Zettel. Er war mit roter Tinte beschriftet:

Entschuldigung
Mit diesem Schreiben möchte ich mit bei allen Opfern und Familien der Opfer für meine Tat entschuldigen. Ich erwarte kein Verständnis für meine Tat, ich würde sie selber nicht verstehen. Aber ich wollte ein Zeichen setzten, und damit eine so unbedeutende Person wie ich ein Zeichen setzen kann, muss sie leider etwas grausames tun.

Ich bin in allen Musikhäusern abgelehnt worden, weil ich nicht perfekt war, weil ich „falsche“ betonte. Aber wie kann man ein Stück falsch betonen. Lebt ein Stück nicht erst durch die Emotionen des Spielers? Kann nicht jeder Spieler etwas anderes dabei fühlen? In unserer Gesellschaft ist dies anscheinend nicht der Fall! Und meine Kompositionen wollte auch keiner haben, sie seien zu exzentrisch, zu anders. Dabei habe ich Menschen mit meiner Musik verzaubert. Ich habe sie mit einem Lächeln in ihrem Gesicht aus meinen Vorspielen gehen gesehen. Aber das zählt nicht. Das Einzige was zählt sind Fakten und Leistung, die an bestimmten Maßstäben gemessen wird. Für Kreativität ist in dieser Welt anscheinend kein Platz

Immer wird Perfektion und maximale Leistung verlangt. Wer dies nicht liefern kann, fällt aus dem Rahmen, verliert seinen Rückhalt, wird isoliert. Unterstützung findet so eine Person natürlich auch nicht, da man sich nicht mit solchen „Verlieren“ abgeben sollte. Das ist schließlich schlecht für den Ruf!
Ich hoffe, dass in Zukunft mehr darauf geachtet wird, wer die Personen sind, die hinter den Leistungen stehen; was für Charaktere hinter den guten Noten stehen. Ich hoffe, dass irgendwann auch die Einstellung und die Güte einer Person gesehen werden, und nicht nur seine Leistung. Ich hoffe auf eine Gesellschaft die asoziales und egozentrisches Verhalten bestraft und nicht- wie zur Zeit- fördert. Ich hoffe auf eine Politik, die soziales Engagement und nicht auf pures Gewinnstreben belohnt.

Ich verbleibe voller Trauer für die von mir erzeugten Opfer. Dennoch wünsche ich einen gesegnete dritten Advent, eine frohe Adventszeit, ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.

Freitag, 14. Dezember 2012

Esoterik in der Gesellschaft



Noch nie in der Geschichte der Menschheit war es einfacher, auf wissenschaftliche Arbeiten zuzugreifen, als heute. Populärwissenschaftliche Bücher werden heutzutage am laufenden Meter veröffentlicht, sehr viele wissenschaftliche Arbeiten kann man kostenlos im Netz lesen und auch im Fernsehen lässt sich ab und an mal eine gute populärwissenschaftliche Sendung finden. Eigentlich herrschen also ideale Bedingungen für eine Gesellschaft, in der nur eine verschwindend kleine Minderheit noch der Esoterik verfallen ist. Aber dies ist offensichtlich nicht der Fall.

Laut einer am 16. Juli 2011 ausgestrahlten Sendung im Deutschlandfunk glauben „52 % aller Deutschen, dass sogenannte „ganzheitliche“ Heilverfahren wie Reiki oder Bach-Blüten ernstzunehmende Alternativen zur Schulmedizin darstellten“. In einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2005 gaben 48 % der befragten an daran zu glauben, dass ihr körperliches und geistiges Wohl vom Stand der Sterne und des Mondes abhängt. Knapp gesagt glaubt also ungefähr jeder zweite Deutsche an das eine oder andere esoterische Verfahren. Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem sich man ohne weiteres wissenschaftlich informieren kann, gut die Hälfte der Bevölkerung der Pseudowissenschaft den Vorzug gibt? Ein Teil der Antwort dürfte wahrscheinlich schon mit dem Namen Pseudo-„Wissenschaft“ gegeben sein. Eine nicht allzu kleine Anzahl an Personen wird nicht dazu in der Lage dazu sein, ein „echtes“ populärwissenschaftliches Buch von einem „falschen“ pseudowissenschaftlichen Buch zu unterscheiden. Dies gilt vor allem dann, wenn beide Arten von Büchern in einer Bücherei oder Bibliothek nebeneinander im Regal stehen. So kann es einem passieren, dass man neben einem Buch über die Quantenphysik auf einmal ein Buch Namens „Quantum Healing – Die heilende Kraft“ von Deepak Chopra findet. Hat man von der gesamten Materie keine Ahnung, dann kann es einem relativ leicht passieren, dass man versehentlich an das glaubt, was Chopra in seinem Buch schreibt. Diese Personen, die „Opfer“ einer solchen Verwechslung werden, sollten sich jedoch im Regelfall ziemlich schnell davon überzeugen lassen, dass ihre Informationen leider von einem Hochstapler stammen, der den Begriff „Quant“ nur benutzt um gebildet zu klingen. Diese Personen werden spätestens dann einsehen, dass sie einen Fehler gemacht haben, wenn sie ein „richtiges“ Buch über das Thema gelesen haben. Ein viel größeres „Problem“ stellen aber die Personen dar, die sich bewusst für die esoterischen Bücher entschieden haben.

Wer das Glück hat, eine Person in der Familie zu haben, die sich mit Homöopathie, Akupunktur, Heilsteinen oder ähnlichen Themen auseinandersetzt, wird wahrscheinlich schon die Erfahrung gemacht haben, dass man mit ihr über diese Themen nur eingeschränkt sprechen kann. Solange diese Person ein Familienmitglied ist, sollte man sich mit ihr über diese Themen auch streiten können, ohne dass man sich nachher nicht mehr in die Augen sehen kann. Kommt es aber zu einer Diskussion mit einer Person, zu der man eine weniger enge Beziehung hat, kann das ganz leicht anders aussehen. Bei vielen Esoterikern ist es sehr auffallend, wie kompromisslos sie ihr esoterisches Verfahren verteidigen. Zur Verteidigung ihres Glaubens werden wissenschaftliche Arbeiten zitiert, es wird auf persönliche Erfahrung und schlussendlich häufig auch auf Lebenserfahrung verwiesen. Außerdem würde sich die „Mainstream-Wissenschaft“ ja häufig genug irren und erst viel später ihren Irrtum erkennen.  Ich finde, dass man es durchaus positiv bewerten sollte, dass diese Personen sich bemühen ihre Verfahren wissenschaftlich zu legitimieren. Das bedeutet, dass sie ihnen, zumindest im Groben, die wissenschaftliche Arbeitsweise bewusst ist. Es stimmt einen jedoch traurig, wenn man sieht, was sie mit den Arbeiten machen, die sie zitieren. Ein Fehler, der gerne gemacht wird ist einfach mangelndes Verständnis für die Informationen des Textes, den sie zitieren.

Sehr beliebt sind im Moment Bücher über „Quantenheilung“ „Quantenverständigung“ oder ähnliche Themen. Die, zum Teil sehr abstrusen, Thesen, die in diesen Büchern aufgestellt und vertreten werden, werden gerne über das nicht-klassische Verhalten (ein anderes Verhalten, als sie nach der klassischen Physik, grob gesagt nach Newton, eigentlich an den Tag legen sollten)  der Quanten begründet. Dabei wird eigentlich immer Vergessen, dass das Verhalten der Quanten in der Quantenmechanik für unser Leben eigentlich belanglos ist, da wir die Welt, die wir tagtäglich beobachten, sehr gut mit den klassischen Gesetzen beschreiben können. Die „Entdeckung“ der Quanten ändert nichts daran, dass wir so leben wie wir leben; entweder, unsere Vorfahren konnten die „Quanteneigenschaften“ auch schon nutzen oder sie konnten es nicht, dann könnten wir es aber auch nicht. Diese Art der „Beweisführung“ für ein esoterisches Verfahren halte ich zwar auch für unangemessen, aber, da sie aufgrund einer Wissenslücke des Autors entstanden ist, für verzeihbar. Zwar werden die allermeisten esoterischen Autoren und ihre Anhänger ihre Lehre auch dann noch verteidigen, wenn man ihnen aufzeigt, dass sie eine wissenschaftliche Arbeit einfach falsch verstanden haben, aber immerhin haben sie nicht mit Vorsatz getäuscht. Und diese zweite Art von Täuschung ist nicht nur unverzeihbar, sondern sollte eigentlich sogar noch strafrechtlich verfolgbar sein. Ein sehr gutes Beispiel für dieses mutwillige Belügen seiner Leser-, und Anhängerschaft ist, neben Deepak Chopra, Masaru Emoto.

Emoto behauptet, dass Wasser Informationen, die beispielsweise durch Musik oder den Klang einer Stimme vermittelt wurden, speichern kann. Diese Speicherung soll in „Clustern“ passieren, die das Wasser bildet. Außerdem sollen die Eiskristalle des gerade gefrierenden Wassers immer dann besonders schön aussehen, wenn es mit positive Emotionen, wie Beispielweise „Liebe“ speichern soll. Dafür wird das Wasser mit dem Wort „Liebe“ besprochen und danach gefroren. Dann werden die Eiskristalle nach ästhetisch-morphologischen Gesichtspunkten untersucht. Wie man sieht, ist der eine Haken an der Sache sehr offensichtlich. Eine Untersuchung nach ästhetischen Gesichtspunkten ist vielleicht in der Kunst angebracht, aber niemals in der Wissenschaft. Das zweite Problem an Emotos Idee sind die „Wassercluster“. Zwar gibt es diese Gebilde, die durch eine Verkettung mehrerer Wassermoleküle durch Wasserstoffbrückenbindungen entstehen, aber sie haben nur eine enorm kurze Lebensdauer. Informationen können dort maximal für einen sehr kurzen Zeitraum gespeichert werden. Außerdem gab es ein Angebot von einer Million Dollar, wenn er seine Ergebnisse in einem Doppelblindversuch wiederholen kann. Das dieses Angebot 2003 abgegeben wurde und Emoto bis heute darauf nicht eingegangen ist, sollte Bände sprechen. Noch Eindeutiger sind aber seine letzen Äußerungen zu seinen Wasser-„Forschungen“. Er bezeichnet seine Bilder nun als Kunst und erhebt anscheinend keinen wissenschaftlichen Anspruch mehr. Seiner Beliebtheit in seiner Fangemeinde tut das aber keinen Abbruch; er wird von vielen immer noch als ein „Guru“ verehrt. An diesem Beispiel zeigt sich, wie einfach jemand zum Zwecke der persönlichen Bereicherung mit pseudowissenschaftlichen Ideen um sich werfen kann, und dabei sogar noch Anhänger sammelt. Dass es in unserer heutigen Wissensgesellschaft noch zu so etwas kommen kann ist in meinen Augen sehr schade und sollte nach Möglichkeit verhindert werden. Aber wie kann man den Esoterikeranteil der Bevölkerung senken?

Am wichtigsten ist wahrscheinlich, dass die Schulen von Anfang an darauf achten, dass schon im Unterricht solche Themen kurz besprochen und erklärt werden, damit schon die Kinder ungefähr wissen, was wissenschaftlich fundiert ist und was nicht. Ein zweiter, wahrscheinlich viel bedeutender Punkt ist die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft. Man redet sehr viel über die Wissenschaft, aber nur sehr selten mit ihr. Seriöse Forscher müssten deutlich häufiger als Momentan öffentlich zu Wort kommen und es sollte eine wissenschaftliche Untersuchung der verschiedensten Esoterik-Richtungen stattfinden. Außerdem würde es wahrscheinlich eine Menge an „Geisterheilern“ und ähnlichen Scharlatanen von ihrer Arbeit abhalten, wenn sie für eventuelle Schäden verantwortlich gemacht werden könnten. Wenn eine wissenschaftliche Denkweise in der Mehrheit der Bevölkerung angekommen ist, wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch erheblich zu einer Steigerung des Lebensstandards beitragen. 

„Was ohne Beweise behauptet werden kann, kann ohne Beweise verworfen werden.“
(Christopher Hitchens)