Montag, 22. April 2013

Behinderungen als (sprachliche) Tatsache



„Im Rahmen einiger Umstellungen im Schulsystem in NRW, werden ab dem nächsten Schuljahr auch in unserer Schule behinderte Schüler aufgenommen werden“. So fing ein Textversuch einer Unterstufenschülerinn über die Umwandlung der Schule in eine sogenannte „integrative Schule“ an. Das dieser Anfang sofort, nachdem ihn die betreuende Lehrerinn gelesen hatte, wieder gelöscht wurde, stieß bei der Schülerinn auf ein gewisses Unverständnis. Sie verstand nicht, warum man den das Wort „behindert“ nicht benutzen durfte. Die Suche nach einer politischen korrekten Beschreibung gestaltete sich allerdings auch ein wenig schwierig. Aber was ist an dem Wort „behindert/behinderter“ eigentlich so schlimm?

Laut Duden ( dort steht das Wort auch noch ), ist ein behinderter jemand, der infolge einer körperlichen, geistigen oder psychischen Schädigung beeinträchtigt ist. Diese Definition beinhaltet eine sehr gute Beschreibung dafür, was eine Behinderung ausmacht: sie beeinträchtig! So banal wie diese Erkenntnis auch ist, so wichtig ist sie jedoch auch für den Gebrauch des Wortes „Behindert“. Eine Person, die aufgrund einer irgendwie gearteten Beeinträchtigung nicht zur Verrichtung einer Tätigkeiten, die der Durchschnitt der Gesellschaft verrichten kann, in der Lage ist, ist behindert. Es spielt dafür erst einmal überhaupt keine Rolle,  worin diese Beeinträchtigung liegt oder wodurch diese Beeinträchtigung entstanden ist. Außerdem ist, und dass wird von vielen Personen gerne bewusst übersehen, „behindert“ keine Wertung, sondern lediglich eine Zustandsbeschreibung; also etwas wertneutrales. Bevor dieser Punkt, der viele Diskussionsmöglichkeiten bietet, genauer behandelt wird, sollte noch einmal geklärt werden, was überhaupt der Durchschnitt der Gesellschaft ist und wer alles behindert sein kann. Denn diese beiden Punkte spielen bei einer korrekten Definition von „behindert“ eine große Rolle.

Als Gegenteil von „behindert“ wird einem manchmal das Wort „gesund“ genannt. Das Problem am Wort „gesund“ ist jedoch, dass es sehr schwer zu definieren ist. Ist ein Mensch, der von Geburt an keine Arme besitzt, nicht eigentlich auch Gesund, da es für ihn normal ist, ohne Arme zu leben? Eine gute Annährung für die Definition des Gegenteils von „behindert“ sollte davon ausgehen, dass Behinderte in irgend einer Weise beeinträchtigt sind; sich also vom „normalen“ unterscheiden. Und da „normal“ in der Regel einen Mittelwert meint, kann der Mittelwert der in der Gesellschaft vertretenen Fähigkeiten gut als das Gegenteil von „behindert“ bezeichnet werden. Da der größte Teil unserer Gesellschaft gehen, schreiben, sprechen, hören, sehen und viele weitere Dinge kann, sind dies Attribute, über die eine „normale“ Person verfügen muss. Verfügt sie nicht über diese Attribute, so ist sie „behindert“. Ergibt es Sinn, wenn man diese Definition auf jedes Mitglied der Gesellschaft bezieht, unabhängig vom Alter?

Nach dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz könnte man nun jedes Mitglied unserer Gesellschaft an diesen „normierten“ Attributen messen und dann entscheiden, ob es behindert ist oder nicht. Es würde jedoch schnell zu Tage treten, dass Babies, Säuglinge und Kleinkinder dann auch behindert wären. An und für sich ist dies eine gut vertretbare These, die auch der Realität der Kindesentwicklung Rechnung trägt. Sie birgt jedoch ein Problem: Wenn man alle Kinder bis zu einem bestimmten Alter als behinderte bezeichnet, dann kann man Kinder, die im Vergleich zu den anderen wirklich eine Beeinträchtigung aufweisen, nicht mehr vernünftig differenzieren. Oder man müsste für sie eine andere Bezeichnung als für Erwachsene behinderte wählen und würde damit nur unnötige Verwirrung stiften. Die beste Lösung für dieses Problem ist wahrscheinlich, einfach dem Fakt Rechnung zu tragen, dass jede Person geboren wird, aber nicht jede Person alt wird.

Anders gesagt: Kinder entwickeln sich im Verlauf einiger Jahre zu einer Person, die über die „normierten“ Attribute verfügt und behalten diese im Idealfall dann ihr restliches Leben lang. Das Altern mit dem Verlust dieser Attribute ist kein Lebensabschnitt der zwangsläufig von jedem Menschen durchlaufen wird, und bedarf daher keiner besonderen Behandlung. Die Geburt, die jeder Mensch durchläuft, darf deshalb besonders betrachtet werden. Für Kleinkinder ist also der Vergleich mit den „normierten“ Attributen von seinen Altersgenossen interessant. Wobei hierbei natürlich die entwicklungsbedingten Spielräume beim Erwerb der Sprache oder des Laufens zu beachten sind. Man kann also kein festes Datum setzen, sonder nur eine Zeitspanne, in der das Attribut erlernt sein muss.  Dies bedeutet, dass ein neun Monate altes Kind, das noch nicht laufen kann, nicht als behindert bezeichnet werden kann, nur weil einige seiner Altersgenossen schon laufen können. Kann es mit zwei Jahren aber immer noch nicht laufen, kann man es als behindert bezeichnen. Es bedeutet jedoch auch, dass ein Kind, bei dem man beispielsweise weiß, dass es niemals sprechen lernen wird, mit sechs Monaten noch nicht behindert ist, da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht sprechen können muss. Man kann kleine Kinder also nur dann als behinderte bezeichnen, wenn sie im Vergleich zu ihren Altersgenossen nicht über die „normierten“ Fähigkeiten verfügen. Nachdem nun geklärt ist, wer unter welchen Umständen als „behindert“ bezeichnet werden kann, geht es wieder zurück zum Anfang und darum, warum die Bezeichnung „behindert“ nicht schlimm ist.

Die Feststellung, dass eine Person oder man selber aufgrund des Fehlens oder der Einschränkung eines bestimmten Attributes, behindert ist, ist vollständig wertneutral. Es ist eine einfache Tatsachenbeschreibung, die man nicht noch künstlich ideologisch aufladen sollte. Wenn jemand das Wort „behindert“ bewusst als Schimpfwort benutzt, so ist die wahrscheinlich beste Reaktion darauf ein höfliches Nicken. Wenn es zutrifft, dass man behindert ist, so hat er nur das offensichtliche gesagt. Wenn das nicht zutrifft, sollte er sich vielleicht selber Gedanken über seine eigene geistige Leistungsfähigkeit machen. Warum gibt es überhaupt so einen großen Wiederstand dagegen, das Wort „behindert“ zu nutzen? Ausgehend von der Definition, dass alle Personen behindert sind, die über eine Einschränkung in einem oder mehreren „normierten“ Attributen verfügen, sind nämlich nicht nur die Personen „behindert“, die jeder bei diesem Ausdruck sofort vor Augen hat: Rollstuhlfahrer, blinde oder geistig behinderte. Es sind beispielsweise auch Personen behindert, die eine etwas stärkere Sehschwäche haben und ohne Brille im Alltag aufgeschmissen wären. Oder Legastheniker, die aufgrund ihrer Schreib-und/oder Leseschwäche im Alltag und Beruf oft auf Probleme stoßen.

Für mich ist die Beschreibung „behindert“ genauso schlimm und diskriminierend, wie die Beschreibung  „blond“, „rothaarig“, „groß“ oder „klein“. Man kann sich darüber aufregen, „auf ein Merkmal reduziert zu werden“, oder man akzeptiert das reale Problem, dass man Personen anhand von irgendwelchen Merkmalen unterscheiden und beschreiben muss. Vielleicht liegt mein, unter Umständen etwas naiver und politisch inkorrekter, Umgang mit dem Wort „behindert“ auch daran, dass ich behinderte kenne, die sich als solche bezeichnen, weil sie ganz eindeutig im Alltag behindert sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich selber dazu zähle, weil ich ohne meine Brille kaum noch Alltagsfähig bin. Ich würde das zwar als „leichte Behinderung“ bezeichnen, weil es genug Personen gibt, die deutlich stärkere Beeinträchtigungen haben, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Sehschwäche eine Behinderung ist. Ich glaube, dass ein etwas unverkrampfterer und rationalerer Umgang mit dem Wort „behindert“ einige Dinge in unserer Gesellschaft deutlich erleichtern würde. Und er würde die langwierige Suche nach politischen korrekten Wörtern endlich beenden.   

Eine Tatsache zu benennen bedeutet, 
sie ernst zu nehmen -
Eine Tatsache zu umschreiben bedeutet, 
sie zu verharmlosen !

Mittwoch, 3. April 2013

Österliche Spannung



Die Karwoche und die Osterfeiertage sind nun vorbei und das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang. Für die Personen, die nicht gerade trotzdem arbeiten mussten, oder aber wichtige Besorgungen erledigen wollten, bedeuteten diese Festtage ein langes Wochenende. Häufig trifft sich die Familie, man isst gemeinsam und geht unter Umständen auch in die Kirche. Schließlich ist die Verkündung der Auferstehung Jesu nach seiner Kreuzigung doch eine frohe Botschaft! Ein genauerer Blick in die Bibel lässt diese „frohe Botschaft“ jedoch in einem etwas anderen Licht erscheinen.

In der Karwoche wird dem Leiden und Sterben Jesu gedacht. Aus diesem Grund gibt es keine Orgelmusik, läuten keine Kirchenglocken und ziehen, in einigen Regionen in Deutschland, vor der Messe  Messdiener mit Ratschen durch das Dorf um die Messe anzukündigen. Karfreitag ist deshalb auch heute noch in den allermeisten Bundesländern ein sogenannter „Stiller (Feier)tag“, es dürfen also keine Musik-und Tanzveranstaltungen stattfinden. Ostersonntag beendet dann die Karwoche und es wird die Wiederauferstehung Jesu gefeiert. Diese Wiederauferstehung ist in der christlichen Geschichte der letzte Beweis dafür, dass Jesus wirklich der „Messias“ , der langersehnte Christus ist. Im Prinzip ist dies eine berührende Geschichte, die auch unter literarischen Gesichtspunkten nicht zu verachten ist. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Ostern nicht ganz zufällig das höchste Fest des Christentums ist. Ohne Ostern, ohne Auferstehung, gäbe es kein Christentum, wäre die gesamte Geschichte der Menschheit von dieser Zeit an völlig anders verlaufen. Anders gesagt: Ostern legitimiert das Christentum, den christlichen Glauben. Und Ostern legt damit auch den Grundstein für eine Einstellung, die man kritisch betrachten sollte.

„Jesus spricht zu ihm. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vaterdenn durch mich.“ (Johannes 14,6) Dieser Satz ist der wahrscheinlich bekannteste Grundstein für die Idee, dass man nicht durch Leistung, sondern nur durch Glaube „echter“ Christ werden kann.  Ohne das Osterereignis wäre dies ein beliebiger Satz von einem beliebigen Sektenführer der vermutlich noch nicht einmal die aufgezeichnet würde und die Zeit überdauert hätte. Mit dem Osterereignis ist dieser Satz für jeden Christen ein Leitfaden und bindend. Und in diesem Satz liegt leider auch die Grundlage für die teilweise unglaubliche Ignoranz der Kirche. Niemand kommt zum Vater denn durch mich bedeutet in erster Instanz natürlich, dass sämtliche andere Religionen ein direkter Weg in die Hölle sind. Aber abgesehen von dieser üblichen, für Religionen lebenswichtigen Ausgrenzung anderer, hat dieser Satz noch eine ganz andere Implikation.

Taten sind im Christentum unwichtig, was zählt ist der Glaube an Jesus Christus. Eine sehr interessante Auswirkung ist vor einigen Wochen durch die Medien gegangen, als darüber berichtet wurde, dass einer vergewaltigten Frau in einem katholischen Krankenhaus die „Pille danach“ verweigert wurde. Nur der Glaube zählt, bedeutet auch blinder Gehorsam gegenüber dem heiligen Text. Eine gewisse Arroganz gegenüber den Personen, die dies nicht so sehen, ist zumindest in den höheren geistigen Ämtern leider immer wieder zu finden. Weltfremdheit als Programm wäre eine zu harte Formulierung, aber eine gute Portion Weltfremdheit gehört zu einer ordnungsgemäßen Auslebung der Gebote doch dazu.
  
Interessant wird dieser Satz auch, wenn man ihn unter dem Aspekt der Gerechtigkeit betrachtet. Jemand, der sein ganzes Leben lang etwas für sein Umfeld geleistet hat, aber ungläubig ist, wird nach christlicher Logik, bestraft. Sobald man aber zu irgend einem Zeitpunkt des Lebens Jesus als seinen Erlöser akzeptiert, folgt die Belohnung im Himmel. Selbst, wenn man vorher geraubt, gemordet, getötet oder sich auf eine andere Weise gesellschaftsschädigend verhalten hat. Unter rationalen Geschichtspunkten ist diese Art der Bewertung nicht wirklich einleuchtend. Sie kann in bestimmten Fällen für eine Gesellschaft sogar kontraproduktiv sein. Die Gewissheit, durch den bloßen Glauben an Jesus errettet zu werden, bringt einen nicht zwingend dazu, sich gesellschaftlich zu engagieren. Zwar sind viele gläubige Menschen sehr engagiert, das Engagement bleibt aber oft auf den kirchlichen Bereich beschränkt. Natürlich hat Jesus auch von Nächstenliebe und Feindesliebe gepredigt, aber in der heutigen Umsetzung wird oft übersehen, dass auch Jesus sich aus menschlichen Gründen über das Arbeitsverbot am Sabbat hinweggesetzt hat. Vor allen in den religiösen Regionen Deutschlands bedeutet „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ immer noch, dass das Werk an Gott vor dem Werk am Menschen kommt. Und legitimiert wird dieses jedes Jahr aufs Neue mit der „heiligen Woche“, also die Karwoche inklusive der Osterzeit.

Der Bogen, den ich vom Osterfest zu dem Satz von aus dem Johannesevangelium gezogen habe, mag ein wenig überspannt sein. Natürlich legitimiert das Osterfest eigentlich jeden Satz aus der Bibel und jedes weitere christliche Fest, so dass man theoretisch das Osterfest als Grund für jede christliche Praktik, die man kritisieren möchte, anführen könnte. Die Erfahrung, dass jedoch gerade dieser Satz, der ein wirkliches extreme explosives Potential hat, im Rahmen der Ostertage immer wieder aufgetaucht ist, hat mich jedoch etwas verwundert. Es gibt so viele Sätze aus der Bibel, die auch ein säkulares Publikum ansprechen, warum muss ausgerechnet so ein intoleranter und konfliktbeladener ausgewählt werden? Warum muss man im Rahmen dieser so entspannten Feiertage auf so einen spannungsgeladenen zurückgreifen? Verstehen werden das vermutlich wieder einmal nur die Personen, die diesen Satz als Lebensmotto verinnerlicht haben, nicht die, die sich eher an „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ (Galater 5.14) orientieren.  

Der Glaube ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Glaube!

Samstag, 30. März 2013

Die ewige Geißel der Menschheit



Wenn kleine Kinder sich um ein Spielzeug im Sandkasten streiten, artet das häufig sehr schnell in eine handfeste Rauferei aus. Die Kinder schmeißen mit Sand um sich, schlagen sich mit bloßen Fäusten, Schippen und Eimern und funktionieren ihren kleinen Bagger in ein Wurfgeschoss um. Ihr Ziel ist es,  ihren Kontrahenten so einzuschüchtern, dass er den Sandkasten verlässt und sie das Spielzeug für sich alleine haben. Für Kleinkinder ist Gewalt oft die einzige Möglichkeit ihre Ansprüche geltend zu machen, da sie häufig noch nicht ganz verstanden habe , wie man einen Kompromiss schließt und sich oft auch schlicht und ergreifend noch nicht richtig verständigen können. Wenn die Eltern der Kinder dieses Verhalten sehen, greifen sie ein und schimpfen mit ihren Kinder; in der Hoffnung, dass sie als erwachsene Menschen in Gewalt nicht ein akzeptables Mittel zur Interessendurchsetzung sehen. Scheinbar haben einige Anführer in einigen Länder auf diesem Planeten das Kleinkinderalter also noch nicht verlassen und wollen ihren Besitz über Kriege vergrößern. Was ist jedoch überhaupt die Idee hinter diesem Verhalten; warum funktioniert das Konzept des Krieges?

Das Ziel der meisten Kriege ist eine Reduktion der Anzahl an Personen, die eine Auffassung vertreten, die konträr zur eigenen ist oder aus irgendwelchen Gründen (vermutlich) die Durchführung des eigenen Plans verhindern. Dabei geht es meistens nicht direkt darum, die Personen zu töten, die eine konträre Meinung vertritt, sondern, die Personen zu töten, die die Person, die die konträre Auffassung vertritt, verteidigen können. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass die jeweiligen Anführer von der eigenen Seite als so wichtig angesehen werden, dass man sie um jeden Preis verteidigen muss, auch unter Einsatz von tausenden von Leben. Hat man genug Personen getötet, lenkt unterlegene Anführer meistens ein und der Gewinner bekommt, was er sich gewünscht hat. Das Prinzip eines Krieges ist also das selbe, wie das einer Sandkastenschlägerei. Die Folgen sind lediglich weitaus extremer und grausamer als es die einer Sandkastenschlägerei je sein können. In den meisten Fällen werden die Erwachsenen, die diese Art der „Konfliktlösung“ bevorzugen, von den selben Motiven getrieben, die auch die Kinder antreiben: Gier, Neid, Missgunst, Habsucht…. Nicht nur der Antrieb für Kriege ist der Selbe wie der für Streit zwischen Kleinkinder, sondern auch die Durchführung gleicht sich. Während sich kleine Kinder mit Sand bewerfen, bewerfen sich erwachsene Menschen mit Granaten. Während sich kleine Kinder mit Schaufeln schlagen, schlagen sich erwachsene mit Bajonetten, Macheten und ähnlichem. Wenn eine geschlagene Armee die Taktik der „verbrannten Erde“ einsetzt und alles auf ihrem eigenen Territorium zerstört, so ist dies lediglich die „erwachsenen Version“  des Zerstörens des eigenen Spielzeuges, damit das stärkere Kind damit nicht spielen kann. Und warum macht man sich diese ganze Mühe, warum riskiert man so viele Leben?

Da sowohl die Methoden als auch der Antrieb für Kriege aus dem Bereich der Kleinkind-Konflikte kommen, überrascht es nicht, dass auch die Idee für dieses Verhalten aus diesem Feld kommt. Da kleine Kinder aus entwicklungstechnischen  Gründen das Konzept von Kompromissen und Einigung häufig noch nicht ganz verstanden haben, kann man nachvollziehen, dass sie ihre Konflikte manchmal auf die rauere Art lösen. Und da, wenn beide Kinder noch nicht richtig sprechen können, auch noch ein Kommunikationsproblem vorhanden ist, ist es hier auch verständlich, warum manchmal die Fäuste sprechen: Gewalt ist eine Sprache, die multikulturell ist und von jedem Lebewesen verstanden wird. Ist ein Kind dann eingeschüchtert, hat das andere dann erst einmal, das, was es sich wünscht. Die Idee hinter der Gewalt ist also Einschüchterung, das Erzeugen von so starker Angst, dass der Gegner das Feld verlässt, weil man nicht in der Lage ist, den anderen durch gute Argumente zu überzeugen. Erwachsene machen in Kriegen nichts anderes!? Aber sollten Erwachsene nicht eigentlich geistig in der Lage dazu sein, miteinander zu Verhandeln, Kompromisse auszuarbeiten und zu akzeptieren? Und sollten Erwachsene nicht eigentlich alle irgendwie sprechen können? Falls es Probleme mit einer Fremdsprache geben sollte, so kann man diese dank Dolmetschern lösen.  Wie man sieht ist der Grund für Kriege, die Idee, die hinter jedem Krieg steckt, so primitiv, dass es eigentlich ein Leichtes sein sollte, Kriege zu verhindern. Wenn es aber so einfach ist, Kriege zu vermeiden, warum gibt es sie dann immer noch?

Da es für einen Erwachsenen keinen Grund dafür gibt, einen Krieg anzufangen, ist es doch verwunderlich, dass es überhaupt noch Kriege gibt. In einer idealen Welt würde man sämtliche Probleme, die zu Kriegen führen könnten, am Verhandlungstisch lösen, da man nur den Wert der Argumente zählen und eine entsprechende Entscheidung fällen würde. Da wir aber nicht in einer idealen Welt leben, gibt es einen Vielzahl an Erwachsenen, die nie richtig gelernt haben, rational zu denken und zu handeln. Sie mögen in einigen Feldern zwar sehr „erwachsen“ sein, in diesen Punkten, die zu Kriege führen, sind sie aber immer noch auf dem Stand eines Kleinkindes. Man kann diese fehlende Verhandlungsbereitschaft auf die Erziehung schieben und hoffen, dass eine gute Erziehung eines Großteils der Bevölkerung das Risiko für einen Krieg senkt. Diese Ansicht lässt einen zwar darauf Hoffen, dass es theoretisch möglich ist, eines Tages ohne Kriege zu leben, aber sie ist auch sehr unrealistisch. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es immer Menschen gibt, die einfach nicht in der Lage dazu sind, zu begreifen, wie wichtig eine gepflegte Kommunikations- und Diskussionskultur ist und dementsprechend nicht anders können als Konflikte wie Kleinkinder zu lösen. Da eine Vielzahl an verschiedenen Fakten schon seit Menschengedenken dafür sprechen, dass wir den Namen „Sapiens“ nicht verdient haben, ist die zweite Version deutlich wahrscheinlicher. Es scheint damit auch gesichert, dass es, so lange es Menschen gibt, auch Kriege geben wird. Aus dem primitiven Grund, dass einige Menschen nicht in der Lage sind, das Kleinkinder-Verhalten abzulegen.

Das Konzept eines Krieges ist leider auch zu gut, als das es eines Tages nicht mehr funktionieren würde. Viele Menschen würden, zumindest für einige Zeit, auf Besitz und Komfort verzichten; an ihrem Leben hängen aber fast alle Menschen. Und da es nicht abzusehen ist, dass sich dies ändert, wird die Drohung mit dem Tod immer eine gute Drohung sein. Da es im Kriegsfall nicht um die besseren, sondern nur um die durchschlagenderen Argumente geht, ist auch die einzig mögliche Verteidigung die Anwendung von Gewalt. Ein Konzept, dass mit Gewalt gegen das Leben an sich vorgeht, kann anscheinend nur mit Gewalt paroli geboten werden. Ein passiver Wiederstand würde ein, zumindest zeitweises, Akzeptieren des Unrechtes bedeuten und ist häufig genauso gefährlich wie der aktive Kampf. Wie es scheint, hat der Mensch also ein sehr erfolgreiches Konzept zur persönlichen Bereicherung entwickelt, das fast zwangsläufig zu einer Eskalationsspirale führt.

Man sieht sehr gut, wie es der homo sapiens sapiens geschafft hat, den Grundstein für seine eigene Ausrottung zu legen, ohne dabei neue Verhaltensmuster adaptieren zu müssen. Eigentlich müsste man ihm für diese beeindruckende Effizienz beglückwünschen. Vermutlich gibt es nur zwei Wege, die es für den Menschen in Zukunft unnötig machen einen Krieg zu beginnen. Der erste Weg führt über einen großen, globalen Krieg, in dem eine Partei es endlich schafft die Weltherrschaft zu gewinnen und es so zumindest keinen Grund mehr für Kriege zwischen verschiedenen Staaten gibt. Zwar könnte es in diesem Staat noch Bürgerkriege geben, aber über eine gute Überwachung und Unterdrückung der Bürger dürfte sich auch dieses Problem vermeiden lassen. Der zweite Weg führt über eine Weiterentwicklung der Menschheit zu einer Spezies, in der Erwachsene nicht nur theoretisch in der Lage dazu sind, vernünftig miteinander zu diskutieren, sonder diese Fähigkeit auch ganz praktisch nutzen. Aber da es für so eine Entwicklung schon deutlich mehr als ein großes Wunder brauch, scheint der Krieg die immerwährende Geißel der Menschheit zu sein. Und vielleicht auch ihr, dann verdienter, Untergang.

Krieg ist, wenn sich Menschen töten, die sich nicht kennen, auf Befehl von Menschen, die sich kennen und sich nicht töten!

Sonntag, 24. März 2013

Ein (Un)erwartetes Ende



Wenn eine Beziehung nach neun Jahren zu Ende geht, ist es der Regelfall, dass an nicht so einfach darüber hinweg kommt. Man wird sich an die „guten Zeiten“ zurückerinnern, immer wieder daran denken, wie schön es doch eigentlich war und vielleicht auch das Ende bereuen. Bei einer Beziehung zwischen zwei Menschen wird das eigene soziale Umfeld solche Gedanken und Emotionen auch meist verstehen, da sie zu erwarten sind. Verlustgefühle treten aber ( leider?) nicht nur bei einem Beziehungsende zwischen zwei Personen auf.

Nach neun Jahren ist nun meinen „Beziehung“ zu meiner Schule zu Ende gegangen. Es war ein Ende mit Vorankündigung; ein Ende, auf das man sich eigentlich vorbereiten kann. Aber irgendwie schien es immer so weit fern zu sein. Als dann aber der Tag kam, an dem wir unsere Zeugnisse überreicht bekamen, überfiel mich die Gewissheit, dass ich nur noch zu den Abiturprüfungen dieses Gebäude betreten muss. Und in diesem Moment begann mein „emotionales Ich“ die Endgültigkeit des Abschiedes zu begreifen. Es mag komisch klingen, dass man sich nach dem Ausscheiden aus der Schule traurig und leer vorkommt, aber für mich war meine Schule immer mehr als nur ein hässlicher Betonklotz. Es gibt an meiner Schule eine Gruppe von Lehrern, die eigentlich fast alle Aktivitäten initiieren oder unterstützen. Diese Lehrer bezeichne ich als die „Seele“ der Schule, da sie die Schule zu mehr machen als nur einem Unterrichtsgebäude. Ich hatte das unglaubliche Glück schon zu Beginn meiner Schullaufbahn über Lehrer zu stolpern, die die „Seele“ der Schule darstellten.  Durch den Zufall bin ich in der 7. Klasse an einen dieser Lehrer geraten.

Mein schulisches Engagement begann in der Schülerzeitung. Nach einigen zaghaften Versuchen habe ich angefangen ziemlich kontinuierlich Artikel zu schreiben und war damit rasch produktiver als die meisten anderen Redakteure. Der Lehrer, der die Schülerzeitung betreute, fing an mich in meiner Recherche zu unterstützen und sprach mir Mut zu, wenn ich Lehrer zu Themen befragte, die für sie nicht unbedingt angenehm waren. Dieser Lehrer wurde für die nächsten Jahre eine Art „Mentor“ für mich. Durch ihn wurde ich dreister und zielstrebiger. Ein Jahr darauf wurde ich dann in die SV meiner Schule eingeladen und ab da wuchst die Anzahl der AGs, die ich besuchte stetig. Mit der Einladung in die SV begann für mich ein ganz neues Kapitel Schulgeschichte, da ich endlich die Möglichkeit bekam, die Dinge, die mir nicht passen zu ändern. In der Schülerzeitung konnte ich nur über sie berichten, jetzt konnte ich endlich wirklich etwas bewirken. Ich fing an mich in die SV-Arbeit zu vertiefen und war rasch in verschiedenen Planungsgruppen. Durch diese Arbeit lernte ich die anderen Lehrer kennen, die die „Seele“ der Schule bildeten. Dadurch, dass ich aufgrund der AGs meist länger in der Schule blieb, viel mit verschiedenen Lehrern zu tun hatte und mit vielen Lehrern außerunterrichtlich per „Du“ war, ist die Schule für mich eine zweite Familie geworden.

Das klingt wahrscheinlich armselig und ich sehe diesen Punkt selber ein wenig kritisch. Diese Identifikation mit der Schule wurde mir auch von vielen Lehrern nicht abgenommen, da sie mich auch als Kritiker kannten. Aber probiert man nicht das, was man gerne hat zu verbessern? Möchte man denn nicht Fehler, die man erkannt hat, beheben? Trotzdem hatte diese besondere Beziehung zur Schule einen unschätzbaren Vorteil: Sie motivierte! Es gab kaum Tage, an denen ich wirklich keine Lust hatte zur Schule zu gehen. Nicht, weil ich den Unterricht so toll fand oder ich das Gebäude besonders mochte. Sondern, weil ich das Gefühl hatte, willkommen zu sein. Ein angenehmer Nebeneffekt ist auch, dass ich deshalb auch motivierter war zu lernen oder für die Schule zu arbeiten. Ich habe es mit meinem schulischen Engagement wahrscheinlich deutlich übertrieben, aber ein wenig mehr Identifikation mit der Schule dürfte bei den meisten Schülern die Motivation doch steigern.

Diese neun Jahre Schule, neun Jahre „Zweitfamilie“, haben deutlich mehr gebracht, als neun Jahre Unterricht. Organisieren lernt man nicht im Unterricht, wohl aber in AGs. Und dass eine gute Improvisationsfähigkeit mindestens genauso wichtig ist wie exzellente Planung war auch eine wichtige Erfahrung. Ich habe gelernt Gruppen zu leiten, selber zu unterrichten und mich auf die verschiedenen Lerntypten von Kindern und Jugendlichen einzustellen. Geduld, Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit haben eine neue Wichtigkeit für mich Gewonnen. Und was ich vor allem gelernt habe ist, dass in vielen Personen riesige Potentiale stecken, die einfach ungenutzt bleiben. Vermutlich würde es eine AG-Pflicht vereinfachen, die Potentiale zu entdecken und es den Kindern zu Ermöglichen, dass sie sie nutzen. Neben den ganzen positiven Aspekten hat diese besondere Beziehung aber auch einen ganz großen Nachteil gehabt: Sie war mindestens genauso zeitintensiv wie eine Beziehung zu einem anderen Menschen! Wenn man nicht wirklich gute Freunde hat, dürfte man sehr schnell ohne Freunde dastehen, da man nur wenig Freizeit hat um etwas mit ihnen zu unternehmen. Und freie Wochenenden oder freie Wochentage sind auch etwas, von dem ich viel zu häufig nur geträumt habe.

 
Als Fazit könnte man festhalten, dass ich zu viel gemacht, zu wenig geschlafen und sehr viel Spaß gehabt habe. Rein rational gesehen war es wahrscheinlich ein Fehler so viel Zeit in etwas so unwichtiges zu investieren …  aber ich würde diesen Fehler wahrscheinlich immer wieder machen.