Sonntag, 24. März 2013

Ein (Un)erwartetes Ende



Wenn eine Beziehung nach neun Jahren zu Ende geht, ist es der Regelfall, dass an nicht so einfach darüber hinweg kommt. Man wird sich an die „guten Zeiten“ zurückerinnern, immer wieder daran denken, wie schön es doch eigentlich war und vielleicht auch das Ende bereuen. Bei einer Beziehung zwischen zwei Menschen wird das eigene soziale Umfeld solche Gedanken und Emotionen auch meist verstehen, da sie zu erwarten sind. Verlustgefühle treten aber ( leider?) nicht nur bei einem Beziehungsende zwischen zwei Personen auf.

Nach neun Jahren ist nun meinen „Beziehung“ zu meiner Schule zu Ende gegangen. Es war ein Ende mit Vorankündigung; ein Ende, auf das man sich eigentlich vorbereiten kann. Aber irgendwie schien es immer so weit fern zu sein. Als dann aber der Tag kam, an dem wir unsere Zeugnisse überreicht bekamen, überfiel mich die Gewissheit, dass ich nur noch zu den Abiturprüfungen dieses Gebäude betreten muss. Und in diesem Moment begann mein „emotionales Ich“ die Endgültigkeit des Abschiedes zu begreifen. Es mag komisch klingen, dass man sich nach dem Ausscheiden aus der Schule traurig und leer vorkommt, aber für mich war meine Schule immer mehr als nur ein hässlicher Betonklotz. Es gibt an meiner Schule eine Gruppe von Lehrern, die eigentlich fast alle Aktivitäten initiieren oder unterstützen. Diese Lehrer bezeichne ich als die „Seele“ der Schule, da sie die Schule zu mehr machen als nur einem Unterrichtsgebäude. Ich hatte das unglaubliche Glück schon zu Beginn meiner Schullaufbahn über Lehrer zu stolpern, die die „Seele“ der Schule darstellten.  Durch den Zufall bin ich in der 7. Klasse an einen dieser Lehrer geraten.

Mein schulisches Engagement begann in der Schülerzeitung. Nach einigen zaghaften Versuchen habe ich angefangen ziemlich kontinuierlich Artikel zu schreiben und war damit rasch produktiver als die meisten anderen Redakteure. Der Lehrer, der die Schülerzeitung betreute, fing an mich in meiner Recherche zu unterstützen und sprach mir Mut zu, wenn ich Lehrer zu Themen befragte, die für sie nicht unbedingt angenehm waren. Dieser Lehrer wurde für die nächsten Jahre eine Art „Mentor“ für mich. Durch ihn wurde ich dreister und zielstrebiger. Ein Jahr darauf wurde ich dann in die SV meiner Schule eingeladen und ab da wuchst die Anzahl der AGs, die ich besuchte stetig. Mit der Einladung in die SV begann für mich ein ganz neues Kapitel Schulgeschichte, da ich endlich die Möglichkeit bekam, die Dinge, die mir nicht passen zu ändern. In der Schülerzeitung konnte ich nur über sie berichten, jetzt konnte ich endlich wirklich etwas bewirken. Ich fing an mich in die SV-Arbeit zu vertiefen und war rasch in verschiedenen Planungsgruppen. Durch diese Arbeit lernte ich die anderen Lehrer kennen, die die „Seele“ der Schule bildeten. Dadurch, dass ich aufgrund der AGs meist länger in der Schule blieb, viel mit verschiedenen Lehrern zu tun hatte und mit vielen Lehrern außerunterrichtlich per „Du“ war, ist die Schule für mich eine zweite Familie geworden.

Das klingt wahrscheinlich armselig und ich sehe diesen Punkt selber ein wenig kritisch. Diese Identifikation mit der Schule wurde mir auch von vielen Lehrern nicht abgenommen, da sie mich auch als Kritiker kannten. Aber probiert man nicht das, was man gerne hat zu verbessern? Möchte man denn nicht Fehler, die man erkannt hat, beheben? Trotzdem hatte diese besondere Beziehung zur Schule einen unschätzbaren Vorteil: Sie motivierte! Es gab kaum Tage, an denen ich wirklich keine Lust hatte zur Schule zu gehen. Nicht, weil ich den Unterricht so toll fand oder ich das Gebäude besonders mochte. Sondern, weil ich das Gefühl hatte, willkommen zu sein. Ein angenehmer Nebeneffekt ist auch, dass ich deshalb auch motivierter war zu lernen oder für die Schule zu arbeiten. Ich habe es mit meinem schulischen Engagement wahrscheinlich deutlich übertrieben, aber ein wenig mehr Identifikation mit der Schule dürfte bei den meisten Schülern die Motivation doch steigern.

Diese neun Jahre Schule, neun Jahre „Zweitfamilie“, haben deutlich mehr gebracht, als neun Jahre Unterricht. Organisieren lernt man nicht im Unterricht, wohl aber in AGs. Und dass eine gute Improvisationsfähigkeit mindestens genauso wichtig ist wie exzellente Planung war auch eine wichtige Erfahrung. Ich habe gelernt Gruppen zu leiten, selber zu unterrichten und mich auf die verschiedenen Lerntypten von Kindern und Jugendlichen einzustellen. Geduld, Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit haben eine neue Wichtigkeit für mich Gewonnen. Und was ich vor allem gelernt habe ist, dass in vielen Personen riesige Potentiale stecken, die einfach ungenutzt bleiben. Vermutlich würde es eine AG-Pflicht vereinfachen, die Potentiale zu entdecken und es den Kindern zu Ermöglichen, dass sie sie nutzen. Neben den ganzen positiven Aspekten hat diese besondere Beziehung aber auch einen ganz großen Nachteil gehabt: Sie war mindestens genauso zeitintensiv wie eine Beziehung zu einem anderen Menschen! Wenn man nicht wirklich gute Freunde hat, dürfte man sehr schnell ohne Freunde dastehen, da man nur wenig Freizeit hat um etwas mit ihnen zu unternehmen. Und freie Wochenenden oder freie Wochentage sind auch etwas, von dem ich viel zu häufig nur geträumt habe.

 
Als Fazit könnte man festhalten, dass ich zu viel gemacht, zu wenig geschlafen und sehr viel Spaß gehabt habe. Rein rational gesehen war es wahrscheinlich ein Fehler so viel Zeit in etwas so unwichtiges zu investieren …  aber ich würde diesen Fehler wahrscheinlich immer wieder machen.

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