Donnerstag, 25. April 2013

Zwiegespräch




Ein Augenblick, eingebrannt für immer
Ein Lächeln, das einen von allen Sorgen bereit
Ein Augenblick, der dich leiden lässt
Ihr Lächeln, das deine Seele frisst

Eine Bewegung, ein Satz, ein Gedanke
Du ertrinkst ganz ihn ihrem Geist
 Jede Bewegung, jeder Satz, jeder Gedanke
lasse dich ertrinken, sterben, verrotten

Du siehst dieses Lächeln und wünschst:
Zweisamkeit, Nähe und Geborgenheit
Doch du weißt: Träume sind Schäume
Und Wünsche bloß irrige Hoffnungen

Sie ist der Norden deiner
Karte des Lebens
Eine Karte mit einem irrlichternden Norden:
Dein Weg führt ins Nichts!

Der Wille, ihr zu folgen, sollte
auch der Weg ins Nichts führen
Der Verlust deines Leben:
Das Produkt eigener Blindheit

Wann sind Emotionen schon rational?
Nie! Und das weißt du auch
Und wenn es mir egal ist?
Dann verlass ich dich!

Montag, 22. April 2013

Behinderungen als (sprachliche) Tatsache



„Im Rahmen einiger Umstellungen im Schulsystem in NRW, werden ab dem nächsten Schuljahr auch in unserer Schule behinderte Schüler aufgenommen werden“. So fing ein Textversuch einer Unterstufenschülerinn über die Umwandlung der Schule in eine sogenannte „integrative Schule“ an. Das dieser Anfang sofort, nachdem ihn die betreuende Lehrerinn gelesen hatte, wieder gelöscht wurde, stieß bei der Schülerinn auf ein gewisses Unverständnis. Sie verstand nicht, warum man den das Wort „behindert“ nicht benutzen durfte. Die Suche nach einer politischen korrekten Beschreibung gestaltete sich allerdings auch ein wenig schwierig. Aber was ist an dem Wort „behindert/behinderter“ eigentlich so schlimm?

Laut Duden ( dort steht das Wort auch noch ), ist ein behinderter jemand, der infolge einer körperlichen, geistigen oder psychischen Schädigung beeinträchtigt ist. Diese Definition beinhaltet eine sehr gute Beschreibung dafür, was eine Behinderung ausmacht: sie beeinträchtig! So banal wie diese Erkenntnis auch ist, so wichtig ist sie jedoch auch für den Gebrauch des Wortes „Behindert“. Eine Person, die aufgrund einer irgendwie gearteten Beeinträchtigung nicht zur Verrichtung einer Tätigkeiten, die der Durchschnitt der Gesellschaft verrichten kann, in der Lage ist, ist behindert. Es spielt dafür erst einmal überhaupt keine Rolle,  worin diese Beeinträchtigung liegt oder wodurch diese Beeinträchtigung entstanden ist. Außerdem ist, und dass wird von vielen Personen gerne bewusst übersehen, „behindert“ keine Wertung, sondern lediglich eine Zustandsbeschreibung; also etwas wertneutrales. Bevor dieser Punkt, der viele Diskussionsmöglichkeiten bietet, genauer behandelt wird, sollte noch einmal geklärt werden, was überhaupt der Durchschnitt der Gesellschaft ist und wer alles behindert sein kann. Denn diese beiden Punkte spielen bei einer korrekten Definition von „behindert“ eine große Rolle.

Als Gegenteil von „behindert“ wird einem manchmal das Wort „gesund“ genannt. Das Problem am Wort „gesund“ ist jedoch, dass es sehr schwer zu definieren ist. Ist ein Mensch, der von Geburt an keine Arme besitzt, nicht eigentlich auch Gesund, da es für ihn normal ist, ohne Arme zu leben? Eine gute Annährung für die Definition des Gegenteils von „behindert“ sollte davon ausgehen, dass Behinderte in irgend einer Weise beeinträchtigt sind; sich also vom „normalen“ unterscheiden. Und da „normal“ in der Regel einen Mittelwert meint, kann der Mittelwert der in der Gesellschaft vertretenen Fähigkeiten gut als das Gegenteil von „behindert“ bezeichnet werden. Da der größte Teil unserer Gesellschaft gehen, schreiben, sprechen, hören, sehen und viele weitere Dinge kann, sind dies Attribute, über die eine „normale“ Person verfügen muss. Verfügt sie nicht über diese Attribute, so ist sie „behindert“. Ergibt es Sinn, wenn man diese Definition auf jedes Mitglied der Gesellschaft bezieht, unabhängig vom Alter?

Nach dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz könnte man nun jedes Mitglied unserer Gesellschaft an diesen „normierten“ Attributen messen und dann entscheiden, ob es behindert ist oder nicht. Es würde jedoch schnell zu Tage treten, dass Babies, Säuglinge und Kleinkinder dann auch behindert wären. An und für sich ist dies eine gut vertretbare These, die auch der Realität der Kindesentwicklung Rechnung trägt. Sie birgt jedoch ein Problem: Wenn man alle Kinder bis zu einem bestimmten Alter als behinderte bezeichnet, dann kann man Kinder, die im Vergleich zu den anderen wirklich eine Beeinträchtigung aufweisen, nicht mehr vernünftig differenzieren. Oder man müsste für sie eine andere Bezeichnung als für Erwachsene behinderte wählen und würde damit nur unnötige Verwirrung stiften. Die beste Lösung für dieses Problem ist wahrscheinlich, einfach dem Fakt Rechnung zu tragen, dass jede Person geboren wird, aber nicht jede Person alt wird.

Anders gesagt: Kinder entwickeln sich im Verlauf einiger Jahre zu einer Person, die über die „normierten“ Attribute verfügt und behalten diese im Idealfall dann ihr restliches Leben lang. Das Altern mit dem Verlust dieser Attribute ist kein Lebensabschnitt der zwangsläufig von jedem Menschen durchlaufen wird, und bedarf daher keiner besonderen Behandlung. Die Geburt, die jeder Mensch durchläuft, darf deshalb besonders betrachtet werden. Für Kleinkinder ist also der Vergleich mit den „normierten“ Attributen von seinen Altersgenossen interessant. Wobei hierbei natürlich die entwicklungsbedingten Spielräume beim Erwerb der Sprache oder des Laufens zu beachten sind. Man kann also kein festes Datum setzen, sonder nur eine Zeitspanne, in der das Attribut erlernt sein muss.  Dies bedeutet, dass ein neun Monate altes Kind, das noch nicht laufen kann, nicht als behindert bezeichnet werden kann, nur weil einige seiner Altersgenossen schon laufen können. Kann es mit zwei Jahren aber immer noch nicht laufen, kann man es als behindert bezeichnen. Es bedeutet jedoch auch, dass ein Kind, bei dem man beispielsweise weiß, dass es niemals sprechen lernen wird, mit sechs Monaten noch nicht behindert ist, da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht sprechen können muss. Man kann kleine Kinder also nur dann als behinderte bezeichnen, wenn sie im Vergleich zu ihren Altersgenossen nicht über die „normierten“ Fähigkeiten verfügen. Nachdem nun geklärt ist, wer unter welchen Umständen als „behindert“ bezeichnet werden kann, geht es wieder zurück zum Anfang und darum, warum die Bezeichnung „behindert“ nicht schlimm ist.

Die Feststellung, dass eine Person oder man selber aufgrund des Fehlens oder der Einschränkung eines bestimmten Attributes, behindert ist, ist vollständig wertneutral. Es ist eine einfache Tatsachenbeschreibung, die man nicht noch künstlich ideologisch aufladen sollte. Wenn jemand das Wort „behindert“ bewusst als Schimpfwort benutzt, so ist die wahrscheinlich beste Reaktion darauf ein höfliches Nicken. Wenn es zutrifft, dass man behindert ist, so hat er nur das offensichtliche gesagt. Wenn das nicht zutrifft, sollte er sich vielleicht selber Gedanken über seine eigene geistige Leistungsfähigkeit machen. Warum gibt es überhaupt so einen großen Wiederstand dagegen, das Wort „behindert“ zu nutzen? Ausgehend von der Definition, dass alle Personen behindert sind, die über eine Einschränkung in einem oder mehreren „normierten“ Attributen verfügen, sind nämlich nicht nur die Personen „behindert“, die jeder bei diesem Ausdruck sofort vor Augen hat: Rollstuhlfahrer, blinde oder geistig behinderte. Es sind beispielsweise auch Personen behindert, die eine etwas stärkere Sehschwäche haben und ohne Brille im Alltag aufgeschmissen wären. Oder Legastheniker, die aufgrund ihrer Schreib-und/oder Leseschwäche im Alltag und Beruf oft auf Probleme stoßen.

Für mich ist die Beschreibung „behindert“ genauso schlimm und diskriminierend, wie die Beschreibung  „blond“, „rothaarig“, „groß“ oder „klein“. Man kann sich darüber aufregen, „auf ein Merkmal reduziert zu werden“, oder man akzeptiert das reale Problem, dass man Personen anhand von irgendwelchen Merkmalen unterscheiden und beschreiben muss. Vielleicht liegt mein, unter Umständen etwas naiver und politisch inkorrekter, Umgang mit dem Wort „behindert“ auch daran, dass ich behinderte kenne, die sich als solche bezeichnen, weil sie ganz eindeutig im Alltag behindert sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mich selber dazu zähle, weil ich ohne meine Brille kaum noch Alltagsfähig bin. Ich würde das zwar als „leichte Behinderung“ bezeichnen, weil es genug Personen gibt, die deutlich stärkere Beeinträchtigungen haben, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Sehschwäche eine Behinderung ist. Ich glaube, dass ein etwas unverkrampfterer und rationalerer Umgang mit dem Wort „behindert“ einige Dinge in unserer Gesellschaft deutlich erleichtern würde. Und er würde die langwierige Suche nach politischen korrekten Wörtern endlich beenden.   

Eine Tatsache zu benennen bedeutet, 
sie ernst zu nehmen -
Eine Tatsache zu umschreiben bedeutet, 
sie zu verharmlosen !

Mittwoch, 3. April 2013

Österliche Spannung



Die Karwoche und die Osterfeiertage sind nun vorbei und das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang. Für die Personen, die nicht gerade trotzdem arbeiten mussten, oder aber wichtige Besorgungen erledigen wollten, bedeuteten diese Festtage ein langes Wochenende. Häufig trifft sich die Familie, man isst gemeinsam und geht unter Umständen auch in die Kirche. Schließlich ist die Verkündung der Auferstehung Jesu nach seiner Kreuzigung doch eine frohe Botschaft! Ein genauerer Blick in die Bibel lässt diese „frohe Botschaft“ jedoch in einem etwas anderen Licht erscheinen.

In der Karwoche wird dem Leiden und Sterben Jesu gedacht. Aus diesem Grund gibt es keine Orgelmusik, läuten keine Kirchenglocken und ziehen, in einigen Regionen in Deutschland, vor der Messe  Messdiener mit Ratschen durch das Dorf um die Messe anzukündigen. Karfreitag ist deshalb auch heute noch in den allermeisten Bundesländern ein sogenannter „Stiller (Feier)tag“, es dürfen also keine Musik-und Tanzveranstaltungen stattfinden. Ostersonntag beendet dann die Karwoche und es wird die Wiederauferstehung Jesu gefeiert. Diese Wiederauferstehung ist in der christlichen Geschichte der letzte Beweis dafür, dass Jesus wirklich der „Messias“ , der langersehnte Christus ist. Im Prinzip ist dies eine berührende Geschichte, die auch unter literarischen Gesichtspunkten nicht zu verachten ist. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Ostern nicht ganz zufällig das höchste Fest des Christentums ist. Ohne Ostern, ohne Auferstehung, gäbe es kein Christentum, wäre die gesamte Geschichte der Menschheit von dieser Zeit an völlig anders verlaufen. Anders gesagt: Ostern legitimiert das Christentum, den christlichen Glauben. Und Ostern legt damit auch den Grundstein für eine Einstellung, die man kritisch betrachten sollte.

„Jesus spricht zu ihm. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vaterdenn durch mich.“ (Johannes 14,6) Dieser Satz ist der wahrscheinlich bekannteste Grundstein für die Idee, dass man nicht durch Leistung, sondern nur durch Glaube „echter“ Christ werden kann.  Ohne das Osterereignis wäre dies ein beliebiger Satz von einem beliebigen Sektenführer der vermutlich noch nicht einmal die aufgezeichnet würde und die Zeit überdauert hätte. Mit dem Osterereignis ist dieser Satz für jeden Christen ein Leitfaden und bindend. Und in diesem Satz liegt leider auch die Grundlage für die teilweise unglaubliche Ignoranz der Kirche. Niemand kommt zum Vater denn durch mich bedeutet in erster Instanz natürlich, dass sämtliche andere Religionen ein direkter Weg in die Hölle sind. Aber abgesehen von dieser üblichen, für Religionen lebenswichtigen Ausgrenzung anderer, hat dieser Satz noch eine ganz andere Implikation.

Taten sind im Christentum unwichtig, was zählt ist der Glaube an Jesus Christus. Eine sehr interessante Auswirkung ist vor einigen Wochen durch die Medien gegangen, als darüber berichtet wurde, dass einer vergewaltigten Frau in einem katholischen Krankenhaus die „Pille danach“ verweigert wurde. Nur der Glaube zählt, bedeutet auch blinder Gehorsam gegenüber dem heiligen Text. Eine gewisse Arroganz gegenüber den Personen, die dies nicht so sehen, ist zumindest in den höheren geistigen Ämtern leider immer wieder zu finden. Weltfremdheit als Programm wäre eine zu harte Formulierung, aber eine gute Portion Weltfremdheit gehört zu einer ordnungsgemäßen Auslebung der Gebote doch dazu.
  
Interessant wird dieser Satz auch, wenn man ihn unter dem Aspekt der Gerechtigkeit betrachtet. Jemand, der sein ganzes Leben lang etwas für sein Umfeld geleistet hat, aber ungläubig ist, wird nach christlicher Logik, bestraft. Sobald man aber zu irgend einem Zeitpunkt des Lebens Jesus als seinen Erlöser akzeptiert, folgt die Belohnung im Himmel. Selbst, wenn man vorher geraubt, gemordet, getötet oder sich auf eine andere Weise gesellschaftsschädigend verhalten hat. Unter rationalen Geschichtspunkten ist diese Art der Bewertung nicht wirklich einleuchtend. Sie kann in bestimmten Fällen für eine Gesellschaft sogar kontraproduktiv sein. Die Gewissheit, durch den bloßen Glauben an Jesus errettet zu werden, bringt einen nicht zwingend dazu, sich gesellschaftlich zu engagieren. Zwar sind viele gläubige Menschen sehr engagiert, das Engagement bleibt aber oft auf den kirchlichen Bereich beschränkt. Natürlich hat Jesus auch von Nächstenliebe und Feindesliebe gepredigt, aber in der heutigen Umsetzung wird oft übersehen, dass auch Jesus sich aus menschlichen Gründen über das Arbeitsverbot am Sabbat hinweggesetzt hat. Vor allen in den religiösen Regionen Deutschlands bedeutet „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ immer noch, dass das Werk an Gott vor dem Werk am Menschen kommt. Und legitimiert wird dieses jedes Jahr aufs Neue mit der „heiligen Woche“, also die Karwoche inklusive der Osterzeit.

Der Bogen, den ich vom Osterfest zu dem Satz von aus dem Johannesevangelium gezogen habe, mag ein wenig überspannt sein. Natürlich legitimiert das Osterfest eigentlich jeden Satz aus der Bibel und jedes weitere christliche Fest, so dass man theoretisch das Osterfest als Grund für jede christliche Praktik, die man kritisieren möchte, anführen könnte. Die Erfahrung, dass jedoch gerade dieser Satz, der ein wirkliches extreme explosives Potential hat, im Rahmen der Ostertage immer wieder aufgetaucht ist, hat mich jedoch etwas verwundert. Es gibt so viele Sätze aus der Bibel, die auch ein säkulares Publikum ansprechen, warum muss ausgerechnet so ein intoleranter und konfliktbeladener ausgewählt werden? Warum muss man im Rahmen dieser so entspannten Feiertage auf so einen spannungsgeladenen zurückgreifen? Verstehen werden das vermutlich wieder einmal nur die Personen, die diesen Satz als Lebensmotto verinnerlicht haben, nicht die, die sich eher an „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ (Galater 5.14) orientieren.  

Der Glaube ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Glaube!